Vor 100 Jahren, am 14. Januar 1922, starb das elfjährige Mädchen
Anne de Guigne in Annecy le Vieux in den französischen Alpen, der
Heimat des hl. Franz von Sales. Schon bald verbreitete sich der Ruf der
Heiligkeit. Der Seligsprechungsprozess wurde 1955 eröffnet. 1990 wurde
ihr der Titel „Ehrwürdige Dienerin Gottes" zuerkannt. Dieses im besten
Sinne des Wortes früh vollendete Kind erhielt eine eucharistische
und marianische Erziehung. In nicht wenigen Familien der Tradition wird
das Leben der kleinen Anna gerne gelesen. Der Freundeskreis Maria Goretti
e. V. hatte die Lebensbeschreibung des Schweizer Pfarrers Dr. Albert Wihler
„Nichts ist schwer, wenn man GOTT lieb hat"
mehrfach aufgelegt. Leider ist dieses schöne Buch zurzeit nur antiquarisch
erhältlich.
Am 8. August 1910 erlaubte der heilige Papst Pius X. mit dem Dekret
Quam Singulari die Zulassung der Kinder zur Kommunion ab dem Alter der
Vernunft. „Das Unterscheidungsalter sowohl für die Beichte wie auch
für die heilige Kommunion ist jenes, in welchem das Kind beginnt,
vernünftig zu denken, das heißt um das siebte Jahr herum, sei
es später, sei es auch früher. Von diesem Zeitpunkt an beginnt
die Verpflichtung, beiden Geboten zu entsprechen: dem der hl. Beichte und
dem der hl. Kommunion."
Anna de Guigne
Die kleine Anna de Guigne war die Tochter des Grafen Jacques de
Guigne. Ihre Mutter stammte von der Familie de Charette ab, ein Name, der
einen guten Klang bei den französischen Katholiken der Tradition besitzt.
Anna hatte drei jüngere Geschwister. Am 29. Juli 1915 gab es ein schwerwiegendes,
einschneidendes Ereignis: Ihr Vater fiel als Soldat im I. Weltkrieg. Obwohl
Anna erst vier Jahre alt war, suchte sie ihre Mama zu trösten und
ihr zu helfen. War sie früher recht aufbrausend, eifersüchtig
und ungehorsam, wurde das nun ganz anders.
Auffallend ist Annas Liebe zum Heiland und Seiner Mutter, und auffallend ist, dass sich ihre Liebe nicht nur in Worten äußerte, sondern auch in Taten. Es ist eine opferbereite Liebe. Einmal schrieb Anna auf ein Stückchen Papier die Worte: „Ich schenke Maria alle meine Opfer, damit sie sie im Himmel an Jesus weitergibt." Jemand fragte sie einmal, warum sie mit der heiligen Jungfrau weinen wolle. Als wäre es ganz selbstverständlich, gab sie zur Antwort: „Weil Jesus nicht genug geliebt wird." Damit er mehr geliebt würde, wurde Anna nicht müde, ein Ave-Maria nach dem anderen zu beten. Schon als sie noch ganz klein war, machte ihr das Rosenkranzbeten große Freude. Eine besondere Freude waren für sie die ersten Samstage des Monats. Da bemühte sie sich noch mehr als sonst, der Muttergottes Freude zu bereiten.
Die erste hl. Kommunion durfte sie mit sechs Jahren empfangen, nachdem
sie (übrigens mit überraschender Leichtigkeit) eine Prüfung
abgelegt hatte. So hatte es der Bischof verlangt, weil sie nach damaligem
Verständnis eigentlich noch zu jung für die hl. Kommunion war.
Ein Jesuit befragt sie. Nichts bringt die kleine Anna, die mit der ganzen
Kraft ihres Herzens zum Heiligen Geist gebetet hat, aus der Fassung. „Welche
Sakramente hast du empfangen? - Die Taufe und das Bußsakrament. -
Welche wirst du empfangen? - Die Eucharistie, die Firmung.
Und später? - Vielleicht das Ehesakrament. - Und die Weihe?
-Oh! Pater, die Weihe, die ist für Sie. - Welche sind deine Hauptfehler?
- Der Stolz und der Ungehorsam." Vor diesem großen Tag war ihr eine
einzige Sache wichtig: „ein reines Herz zu haben
und die Tage mit kleinen Opfern zu füllen". Ihr Papa würde
nicht da sein, aber er würde ihr vom Himmel her beistehen. Endlich
ist der große, so sehr erwartete Tag da. In der Nacht vor dem Fest
der Verkündigung Maria schlief Anna nicht viel und wandte sich oft
an Jesus. Vom Aufstehen bis zur Messe sprach sie fast gar nicht. Mit gesenktem
Blick betrat sie die Kapelle und verweilte dort völlig gesammelt,
von ganzem Herzen in die Gebete vertieft, zusammen mit den anderen Kindern.
Die Inbrunst, mit der sie die heilige Hostie empfing, lässt sich nicht beschreiben, sagt ihre Mutter, aber ihr zartes Gesicht verriet ein völliges, absolutes Glück. Ihr Vorsatz bei der Erstkommunion: „Lieber Jesus, ich liebe Dich; um Dir zu gefallen, nehme ich mir vor, immer zu gehorchen."
Zwei Wochen nach ihrer Erstkommunion, am 10. April 1917, einem Dienstag in der Osteroktav, empfing Anna das Firmsakrament aus den Händen von Msgr. Henri-Louis Chapon, dem damaligen Bischof von Nizza.
Ihr Sterben
Im Dezember 1921 erkrankte Anna an Hirnhautentzündung, die
sie ans Bett fesselte. Ständig wiederholt sie: „Mein
Gott, ich will alles, was Du willst", und sie betete sogar noch
für andere Kranke um Genesung. Am 14. Januar 1922 starb sie ergeben
und wohl vorbereitet mit erst elf Jahren. Ihre Erzieherin erzählt:
„Am ersten Tag ihrer Krankheit verzog Anna ihr Gesicht vor Schmerz ...
Keine Klage kam indes von ihren Lippen." Annas Mutter: „Die Kopf- und Rückenschmerzen
waren unerträglich ... Nach einem sehr schmerzhaften Anfall, der der
kleinen Kranken die Tränen ausgepresst hatte, tröstete ich sie:
,Mein Liebstes, du hast tapfer gelitten; du hast das Herz Jesu sehr getröstet
und zur Bekehrung der Sünder beigetragen.' Darauf sagte sie: ,0
Mama, wie bin ich glücklich. Ich will gerne noch mehr leiden!'
Manchmal opferte sie sogar Stunde für Stunde ihre Leiden auf für
jene, die sie darum gebeten hatten ... Jeden Augenblick sagte sie: ,Meine
liebe Mama, ich liebe dich!', und warf mir einen Kuss zu ... Sie
legte ihre ganze Zärtlichkeit in diesen herzzerreißenden Abschiedsgruß
... Das liebe Kind befürchtete ständig, nicht rein genug zu sein
und nicht tapfer genug zu leiden ... Aber schließlich verklärte
ein sanftes Lächeln ihr Gesicht und sie sagte: ,Ich bin glücklich!'"
Am Samstag, dem 14. Januar 1922, früh um 5 Uhr 25, verließ ihre
Seele den Leib.
Ihre Erzieherin sagte über sie: „Anna hat uns einen Frieden
hinterlassen, der alle meine Worte, die ich sagen könnte, übersteigt."
Ein bedenkenswerter Ausspruch Annas: „Es gibt viele
Freuden hier auf der Erde, aber sie sind nicht von Dauer. Jene eine aber,
die bleibt, ist, ein Opfer gebracht zu haben."
(Quelle: FMG - Information" - Freundeskreis
Maria Goretti e.V., München)