Quelle: Hl. Franz von Sales (1567-1622) Bischof von Genf und Kirchenlehrer Philothea. Anleitung zum frommen Leben I, 3 (in: Werke des hl. Franz von Sales, Eichstätt 2002, Band 1, S. 37-38)
"An der Frucht also erkennt man den Baum"
Bei der Schöpfung befahl Gott
den Pflanzen, Frucht zu tragen, jede nach ihrer Art (Gen 1,11). So gibt
er auch den Gläubigen den Auftrag, Früchte der Frömmigkeit zu tragen;
jeder nach seiner Art und seinem Beruf. Die Frömmigkeit muss anders
geübt werden vom Edelmann, anders vom Handwerker, Knecht oder Fürsten,
anders von der Witwe, dem Mädchen, der Verheirateten. Mehr noch: die
Übung der Frömmigkeit muss auch noch der Kraft, der Beschäftigung und
den Pflichten eines jeden angepasst sein. Wäre es denn in Ordnung, wenn
ein Bischof einsam leben wollte wie ein Kartäuser? Oder wenn
Verheiratete sich so wenig um Geld kümmerten wie die Kapuziner? Kann
ein Handwerker den ganzen Tag in der Kirche verbringen, wie die Mönche
es tun? Dürfen andererseits Mönche aus beschaulichen Orden jedermann
zur Verfügung stehen, wie es der Bischof muss? - Eine solche
Frömmigkeit wäre doch lächerlich, ungeordnet, ja unerträglich. Solche
Dinge kommen aber sehr oft vor. […] Nein, echte Frömmigkeit
verdirbt nichts; im Gegenteil, sie macht alles vollkommen. Verträgt sie
sich nicht mit einem rechtschaffenen Beruf, dann ist sie gewiss nicht
echt. Die Bienen, sagt Aristoteles, entnehmen den Blumen Honig, ohne
ihnen zu schaden; sie bleiben frisch und unversehrt. Die echte
Frömmigkeit schadet keinem Beruf und keiner Arbeit; im Gegenteil, sie
gibt ihnen Glanz und Schönheit. […] Die Sorge für die Familie wird
friedlicher, die Liebe zum Gatten echter, der Dienst am Vaterland
treuer und jede Arbeit angenehmer und liebenswerter. Es ist ein Irrtum, ja sogar
eine Irrlehre, die Frömmigkeit aus der Kaserne, aus den Werkstätten,
von den Fürstenhöfen, aus dem Haushalt verheirateter Leute verbannen zu
wollen. […] Wo immer wir sind, überall können und sollen wir nach einem
Leben der Vollkommenheit streben.