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Neuntes Kapitel
Gott unser Lebensziel
Mein Sohn! Ich muss dein höchstes und letztes Ziel sein, wenn
du wahrhaft glücklich werden willst. Dadurch wird dein Herz geläutert,
das sich so oft sündhaft zu sich selbst und zu den Geschöpfen
wendet. Wenn du dich selbst in irgendeinem Ding suchst, wirst du gleich
schwach und kraftlos. Beziehe alles auf mich als den Urgrund; denn ich
bin es, der alles gegeben hat. Betrachte das Einzelne als aus dem höchsten
Gut hervorgehend, und führe alles auf mich als seinen Ursprung zurück.
Aus mir schöpfen Klein und Groß, Arm und Reich wie aus einer
lebendigen Quelle lebendiges Wasser; und die mir willig und gern dienen,
werden Gnade über Gnade empfangen. Wer sich aber außer mir rühmen
oder sich an einem besonderen Gute erfreuen will, dem wird die wahre Freude
nicht zuteil. In seinem Herzen fühlt er sich beengt, vielfach behindert
und verkrampft. Du sollst dir also nichts Gutes zuschreiben und keinem
Menschen Tugend beimessen; führe alles auf Gott zurück. Ohne
ihn hat der Mensch nichts.
Ich habe alles gegeben; ich will alles wiederhaben und fordere mit
großer Strenge, dass man mir Dank sagt. Dies ist die Wahrheit, vor
ihr verkriecht sich die eitle Ehrsucht. Wo aber die himmlische Gnade und
wahre Liebe einkehrt, da wird es keinen Neid und keine Engherzigkeit geben
und auch die Eigenliebe nicht herrschen. Denn die Gottesliebe überwindet
alles und beschwingt alle Kräfte der Seele. Hast du die rechte Weisheit
gefunden, so wirst du dich in mir allein freuen, auf mich allein hoffen;
weil „niemand gut ist als Gott allein" (Lk 18,19).
Er ist über alles zu loben und in allem zu preisen.
Zehntes Kapitel
Gott dienen macht
selig
Jetzt will ich wieder reden, Herr. Ich kann nicht schweigen. Sprechen
will ich zu Gott, meinem Herrn und König, der in den Himmeln wohnt.
„Wie groß ist die Fülle deiner
Liebe, Herr! Du hältst sie für jene verborgen, die dich fürchten"
(Ps 30,20).
Aber: Was bist du erst für jene, die dich lieben! Für
die, die dir mit ganzem Herzen dienen! Wahrhaft unaussprechlich ist die
Wonne, dich zu schauen, wie du sie denen verleihst, die dich lieben! Darin
hast du mir deine Liebe am meisten gezeigt, dass du mich erschufst, als
ich noch nicht war; als ich fern von dir umherirrte, mich zu deinem Dienste
zurückholtest und mir gebotest, dich zu lieben. Quell ewiger Liebe!
Was soll ich von dir sagen?
Wie sollte ich deiner vergessen können, der du gnädig
meiner gedacht hast, auch nachdem ich schon verdorben und verloren war?
Du hast wider alle Hoffnung Erbarmen an deinem Diener geübt
und ihm über alles Verdienst Gnade und Freundschaft geschenkt. Was
soll ich dir vergelten für solche Gnade? Denn nicht jedem ist es gegeben,
auf alles zu verzichten, der Welt zu entsagen und das Leben im Kloster
auf sich zu nehmen.
Ist es denn etwas Großes, dass ich dir diene, da jedes Geschöpf
dir dienen muss? Nicht groß darf es mir vorkommen, dass ich dir diene;
aber das erscheint mir groß und wunderbar, dass du einen so Armen
und Unwürdigen gnädig zu deinem Dienste annimmst und deinen geliebten
Dienern zugesellst. Siehe, dein ist alles, was ich besitze, und darum diene
ich dir. Aber eigentlich dienst du mehr mir als ich dir.
Siehe, Himmel und Erde, die du zum Dienst an den Menschen erschaffen
hast, sind bereit und tun täglich, was du geboten hast.
Und dies ist noch wenig; du hast sogar die Engel in den Dienst der
Menschen gestellt. Eins aber übersteigt alles, dass du dich selbst
herabgelassen hast, dem Menschen zu dienen, und versprochen hast, dich
selbst ihm zu geben. Was soll ich dir für all diese tausendfachen
Wohltaten geben? Könnte ich dir doch alle Tage meines Lebens dienen!
Brächte ich es doch fertig, dir wenigstens einen Tag lang so
zu dienen, wie es deiner würdig ist. Du bist wahrhaftig jeden Dienstes,
aller Ehre und des ewigen Lobes würdig. Du bist wahrhaftig mein Herr
und ich dein armer Knecht! Ich sollte dir aus allen Kräften dienen
und in deinem Lobe niemals ermüden. Das will ich, danach verlange
ich; und was mir fehlt, wollest du huldvoll ergänzen. Eine große
Ehre, ein großer Ruhm ist es, dir zu dienen und alles um deinetwillen
zu verschmähen. Denn große Gnade werden jene erhalten, die sich
willig deinem heiligen Dienste unterwerfen.
Erquickenden Trost des Heiligen Geistes werden jene finden, die
aus Liebe zu dir aller Sinneslust entsagen.
Große Freiheit des Geistes werden erlangen, die dir zuliebe
die schmale Straße gehen und alle weltliche Sorge fahren lassen.
Gnadenvolle, angenehme Knechtschaft Gottes! Durch dich wird der
Mensch wahrhaft frei und heilig! Heiliger Stand des geistlichen Dienstes,
der den Menschen den Engeln gleich, Gott wohlgefällig, den bösen
Geistern furchtbar und allen Gläubigen liebenswert macht!
O willkommener, allzeit begehrenswerter Dienst! Durch dich erlangt
der Mensch das höchste Gut und erwirbt sich Freuden, die ewig währen.
Elftes Kapitel
Prüfe und beherrsche die Regungen des
Herzens
Mein Sohn! Du musst noch vieles lernen, was du noch nicht recht
begriffen hast. Was ist dies, Herr? Dass du deine Wünsche ganz nach
meinem Wohlgefallen richtest und nicht dich selbst liebst, sondern dich
eifrig bestrebst, meinen Willen zu erfüllen. Oft werden Wünsche
in dir wach und setzen dir heftig zu; aber überlege, ob hierbei meine
Ehre oder mehr dein Vorteil dich antreibt. Bin ich das Ziel deiner Wünsche,
wirst du gerne zufrieden sein, ob ich es so füge oder anders. Ist
aber etwas Selbstsucht darin versteckt, so ist es eben dies, was dich hemmt
und beschwert. Lasse dich deshalb auf einen voreiligen Wunschgedanken nicht
zu viel ein, ohne mich um Rat gefragt zu haben.
Leicht kann dich später etwas gereuen oder abstoßen,
was dir anfangs gefiel und von dir eifrig erstrebt wurde.
Man soll nicht jeder Regung, die einem gut erscheint, sogleich folgen;
ebenso darf man auch nicht jeder entgegengesetzten von vornherein ausweichen
wollen. Es ist durchaus angebracht, sich hier und da auch bei guten Zielen
und Wünschen Zügel anzulegen, damit der Geist nicht durch ungestümes
Drängen in Verwirrung gerät. Vielleicht würdest du anderen
durch deine Unbeherrschtheit Ärgernis geben oder durch ihren Widerstand
irre werden und zu Fall kommen.
Mitunter muss man dem sinnlichen Begehren kräftigen Widerstand
entgegensetzen und darf nichts darum geben, was der Leib will, oder was
er nicht will. Im Gegenteil: Man soll zu erreichen suchen, dass er sich
dem Geiste auch wider seinen Willen unterwirft.
So lange muss er in Zucht genommen werden, bis er zu allem bereit
ist und gelernt hat, sich mit Wenigem zu begnügen, am Einfachen Freude
zu haben und bei Unannehmlichkeiten nicht zu murren.
Zwölftes Kapitel
Beharrlichkeit im Kampf gegen die Begierden
Herr, mein Gott, ich sehe, wie sehr ich Geduld benötige; denn
es gibt in diesem Leben so viel Widerwärtiges.
Ich mag mich anstrengen, so viel ich will, um Frieden zu finden
- ohne Kampf und Leid wird mein Leben nicht sein.
Du hast Recht, mein Sohn. Aber du sollst auch nach keinem Frieden
suchen, der von Versuchungen frei ist oder Widerwärtigkeiten nicht
empfindet.
Glaube vielmehr dann den wahren Frieden gefunden zu haben, wenn
du durch mancherlei Trübsal geläutert und durch viele Widrigkeiten
erprobt bist. Du sagst, du könntest nicht viel leiden. Wie willst
du dann einst die Pein des Fegfeuers ertragen?
Von zwei Übeln soll man immer das kleinere wählen.
Um den künftigen Strafen in der Ewigkeit zu entgehen, suche
die irdischen Übel Gott zuliebe mit Gleichmut zu ertragen.
Oder meinst du, die Weltmenschen hätten nichts oder nur wenig
zu leiden? Das wirst du nicht einmal finden, wenn du die fragst, die sich
alles erlauben können. Aber sie haben, wirst du einwenden, viele Vergnügungen,
können tun und lassen, was ihnen beliebt, und empfinden daher die
Unannehmlichkeiten des Lebens nicht so schwer. Es mag zutreffen, dass sie
alles nach ihren Wünschen haben; aber wie lange, meinst du, wird das
währen? Die in der Welt Überfluss haben, „werden
wie der Rauch vergehen" (Ps 36,20), und keine Erinnerung an vergangene
Freuden wird ihnen bleiben. Aber auch zu Lebzeiten können sie vor
Widerwillen, Überdruss und Angst nicht zur Ruhe kommen.
Denn gerade das, was ihnen Genuss bringen soll, bringt ihnen oft
genug Schmerz und Strafe ein.
Es geschieht ihnen recht! Weil sie maßlos nach Vergnügungen
jagen und haschen, können sie diese nicht ohne bitteren Ekel und ohne
Angst auskosten. Wie kurzlebig, trügerisch, ordnungswidrig und abscheulich
sind doch alle diese Gelüste! Aber vor Trunkenheit und Verblendung
kommen solche Menschen nicht zur Besinnung. Wie ein vernunftloses Tier
rennen sie in ihrem Leben, das so schnell vergeht, dem kleinsten Vergnügen
nach. Und was finden sie? Den Tod ihrer Seele. Deshalb, mein Sohn, „gehe
nicht deinen Begierden nach und entsage deinem Eigenwillen" (Sir 18,30).
„Freue dich im Herrn, und er wird dir die Wünsche deines Herzens erfüllen"
(Ps 36,4).
Willst du dich wahrhaft freuen und in reichstem Maße Trost
bei mir finden: Aus der Verachtung alles Weltlichen und im Verzicht auf
alle niederen Gelüste wird dir Segen und reicher Trost strömen.
Und je mehr du dich allem Trost der Geschöpfe entziehst, desto
erquickenderen und kräftigeren Trost wirst du in mir finden.
Aber dahin wirst du vorerst nicht ganz ohne seelische Not und mühevollen
Kampf gelangen.
Die eingewurzelte schlechte Gewohnheit wird dich hindern, aber sie
wird durch die bessere Gewohnheit überwunden werden.
Der Leib wird zwar aufbegehren, aber durch den Eifer des Geistes
gezügelt werden. Die alte Schlange wird dich reizen und plagen: Aber
durch das Gebet wird sie verscheucht, und durch nützliche Beschäftigung
wird ihr überdies der Zugang versperrt.
Dreizehntes Kapitel
Demut und Gehorsam
Mein Sohn! Wer sich dem Gehorsam zu entziehen trachtet, entzieht
sich auch der Gnade. Und wer nur Eigenes besitzen will, verliert das Gemeinsame.
Wer sich nicht gern und willig seinem Vorgesetzten unterwirft, zeigt
damit, dass seine Sinne ihm noch nicht ganz gehorchen, sondern oft widerspenstig
sind und sich sträuben. Lerne also, dich schnell zu unterwerfen, wenn
du den eigenen Leib zu unterjochen wünschest.
Denn der äußere Feind wird leichter überwunden,
wenn der innere Mensch heil ist. Keinen lästigeren und schlimmeren
Feind der Seele gibt es, als du selbst es bist, wenn dein Inneres in Unordnung
ist.
Du musst dir unbedingt eine aufrichtige Selbstverachtung aneignen,
wenn du über Fleisch und Blut die Oberhand gewinnen willst.
Weil du dich bis jetzt gegen alle Ordnung viel zu sehr liebst, darum
schreckst du davor zurück, dich dem Willen anderer gänzlich unterzuordnen.
Aber was ist denn Großes dabei, wenn du, Staub und ein Nichts,
dich Gott zuliebe einem Menschen unterwirfst, da ich, der Allmächtige
und Höchste, der alles aus nichts erschuf, mich dir zuliebe demütig
dem Menschen unterworfen habe? Ich bin unter allen der Demütigste
und Niedrigste geworden, damit du durch meine Demut deinen Stolz überwinden
möchtest.
Lerne gehorchen, du Erdenstaub; lerne dich demütigen, der du
Erde und Lehm bist, und dich unter alle Menschen zu erniedrigen. Lerne
deinen Eigenwillen brechen und dich in jede Art des Gehorsams fügen.
Eifere wider dich selbst und lass keinen Übermut in dir aufkommen,
sondern zeige dich so unterwürfig und klein, dass alle über dich
wie über Straßenstaub hinwegschreiten.
Was hast du, eitler Mensch, dich zu beklagen?
Was kannst du, elender Sünder, denen, die dir Vorwürfe
machen, entgegnen, wo du Gott so oft beleidigt und hundertfach die Hölle
verdient hast?
Aber mein Auge hat voll Schonung auf dich geschaut, weil deine Seele
vor meinem Angesichte kostbar war, damit du meine Liebe erkennst und dich
für meine Guttaten immerdar dankbar zeigst, dich wahrer Demut und
Unterwürfigkeit befleißigst und in Geduld die Selbstverachtung
auf dich nimmst.
(Quelle: "Dienst am Glauben",
Heft 4-2017, S. 102-107, A-6094 Axams)