Erster Tag
Mögen auch die Berge weichen und die
Hügel wanken - meine Huld wird nicht von dir weichen und der Bund
meines Friedens nicht wanken, spricht der HERR, der Erbarmen hat mit dir.
(Jesaja 54,10)
Es gibt Umbrüche bisher feststehender Sicherheiten, die wie
das Weichen von Bergen sind. Es gibt Erschütterungen von Überzeugungen
oder Zusagen, die die Hügel, von denen aus wir unser Leben deuteten,
ins Wanken bringen. Doch unumstößlich bleibt die Zusage des
HERRN: Mein Wohlwollen wird nicht von Dir weichen! Der Bund meines Friedens
mit Dir wird nicht wanken! Es ist die absolute Zusage von Erfüllung
innerster Sehnsucht: vollkommen angenommen sein, Erlösung von allem
Unfrieden empfangen.
In all den äußeren Umwälzungen sieht Gott mich,
ruft mich zu sich. ecclesia - Kirche bedeutet im neutestamentlichen Sinn
die Gemeinschaft der von Christus aus der Welt heraus und zu sich hin Gerufenen.
Es ist keine Zugehörigkeit aufgrund meiner Leistung. An mich ergeht
ein Ruf der Liebe: Komm zu mir, empfange mein Erbarmen, du bist meine Freude!
Fürchte dich nicht!
Es ist der HERR, der Allmächtige, der mir diese Zusage gibt.
Er, durch dessen Wort alles geworden ist. Er, dessen Wort Fleisch annahm
und allen, die es aufnehmen, Macht gibt, seine Kinder zu sein. Er wohnt
unter uns in Jesus Christus, er will in mir wohnen durch seinen Heiligen
Geist. Aus seiner Fülle soll ich empfangen, Gnade über Gnade.
Die Gnade und die Wahrheit kommen zu mir durch Jesus Christus.
Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen?
(Mt 8,26)
Zweiter Tag
0 Weisheit, hervorgegangen aus dem Munde des
Höchsten - die Welt umspannst du von einem Ende zum andern, in Kraft
und Milde ordnest du alles: o komm und offenbare uns den Weg der Weisheit
und Einsicht.
Weisheit nennt die Bibel, mich selbst, die Welt und das Leben aus
Gottes Perspektive zu sehen. Solche Weisheit preist sie höher als
Reichtum, Gesundheit und Schönheit (vgl. Weish 7,7-11). Und habe ich
nicht auch schon jene erfüllende Kraft erfahren, wenn mir etwas vom
gottgegebenen Sinn meines Daseins aufging?
Die Bibel sagt: Gott allein ist vertrauenswürdig. Aber oft
nehme ich das nicht wahr. Vieles, was mir widerfährt, erscheint meinem
menschlichen Verstehen wie das Gegenteil. War die Frage des Täufers
Johannes: „Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen
warten?" (Mt 11,3) nicht auch schon in meinem Herzen? „Selig ist, wer an
mir keinen Anstoß nimmt." (Mt 11,6), Jesu Antwort ist von göttlichem
Anspruch. Sie zeigt: Wahre Erkenntnis ist Gottes Geschenk. Ich aber muss
mich, wo ich nicht erkenne, entscheiden, ob ich ihm vertrauen will, um
es zu empfangen. Mit dieser Entscheidung erst beginnt mein Glaube mich
im alltäglichen Leben wahrhaft zu tragen.
Um sie durchzutragen, bedarf ich der Nahrung durch Gottes Wort in
der Heiligen Schrift. Von seinem Wort hat Gott verheißen: „Es kehrt
nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das
zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe" (Jes 55,8). JESUS IST das Wort
und die Weisheit Gottes.
Was sucht ihr?... Kommt und seht! (Joh 138.39)
Dritter Tag
O Adonai, Herr und Führer des Hauses
Israel - im flammenden Dornbusch bist du dem Mose erschienen und hast ihm
auf dem Berg das Gesetz gegeben: 0 komm und befreie uns mit deinem starken
Arm!
Unser Gott ist verzehrendes Feuer, leidenschaftliche Liebesglut,
deren Flamme im brennenden Dornbusch auf die Erde schlägt und in dem,
der im kleinen Kind Mensch wird, Wiedervereinigung mit seinem Geschöpf
sucht: „Ich habe dein Elend gesehen und deine laute Klage gehört.
Ich kenne dein Leid" (vgl. Ex 3,7).
Jesus kennt unser Leid und unsere innerste Zerrissenheit: „Ich tue
nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will"
(Rom 7,19). Ja, wir bemühen uns, Leib und Leben in den Dienst Gottes
zu bringen und doch geraten wir dabei immer wieder bis ans Ende unserer
Kräfte und können das Gesetz nicht erfüllen.
Doch unser Bewusstsein, die Gebote nicht aus eigener Kraft vollkommen
leben zu können, wird uns zum Segen. Das Wissen, uns niemals selbst
rechtfertigen zu können, formt in unserer Seele den hoffnungsvollen
Ruf: „0 komm und befreie uns mit deinem starken Arm!" Und der Herr sehnt
sich nach dieser Bitte,
danach, dass wir uns nach ihm sehnen, denn seine Leidenschaft ist
der Mensch.
Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu
werfen, (Lk 12,49)
Vierter Tag
0 Spross aus Isais Wurzel, gesetzt zum Zeichen
für die Völker - vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich
flehen an die Völker: 0 komm und errette uns, erhebe dich, säume
nicht länger!
Isai war der Vater Davids, dem Gott einen leiblichen Nachkommen
verhieß, dessen Herrschaft ewig ist. Jesus, der über seinen
Nährvater Josef dem Haus Davids angehörte und doch keinen anderen
als Gott selbst zum Vater hat, Er ist auf ewig zum Zeichen für die
Völker gesetzt!
Alles, was Gott uns offenbart, ist in mein konkretes Leben hineingesprochen
und will sich darin verwirklichen. Nicht intellektuelle Fähigkeiten,
sondern ernstes Verlangen und echte Bereitschaft zum Glauben erschließen
unserem Herzen durch die Gnade des Heiligen Geistes, was allein zählt:
Jesus muss mein Leben kennzeichnen! Ich brauche kaum Glauben, um die Existenz
Gottes zu akzeptieren. Aber nur im vollen Glauben kann ich Jesus als den
Einzigen annehmen, der mir Gott offenbart und mich rettet!
0, welche Demut brauche ich für die Lebenseinstellung, mich
nicht selbst erlösen zu wollen, und welches Vertrauen, in Christus
als Gottes Kind zu leben! Nur so finde ich Halt und Kraft, mich den drängenden
Fragen meines Lebens und dieser Zeit zu stellen und rechte Antworten zu
empfangen. Das erflehte Kommen und Erretten, es muss zuerst in mir selbst
stattfinden. Jesus säumt nicht. Er erhebt jeden, der ihn aufrichtig
sucht, in rechtes Erkennen, Glauben und Handeln. Sein Heiliger Geist erleuchtet
uns, wie wir es ihm im Innersten unseres Herzens erlauben.
Ihr aber, für wen haltet ihr mich? (Mt
16, 15)
Fünfter Tag
0 Schlüssel Davids, Zepter des Hauses
Israel - du öffnest, und niemand kann schließen, du schließt,
und keine Macht vermag zu öffnen: 0 komm und öffne den Kerker
der Finsternis und die Fessel des Todes!
Als Nikodemus bei Nacht Jesus aufsuchte (Joh 3), war diese Nacht
auch ein Bild für den Zustand des Menschen ohne Christus. Welche Gnade,
dass wir uns in diesem Zustand Jesus nähern und gleichzeitig erfahren
dürfen, wie er der Schlüssel zu unserem Heil ist!
Die Worte Jesu an Nikodemus „Wenn jemand nicht von oben geboren
wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen" bedeuten, dass der ganze Mensch
erneuert werden muss. Diese Neugeburt aus dem Geist hat uns die Taufe erschlossen,
doch sie muss sich voll entwickeln. An jedem Tag neu will Christus in mir
zum Leben kommen und jeden meiner finsteren Kerker aufschließen,
jede meiner tödlichen Fesseln an die Sünde lösen, damit
ich in ihm zur Gotteskindschaft gelange.
Ein Kind Gottes vertraut sich ihm ganz an. Es nimmt sich, sein Leben
und seine Umstände an, wie sie sind, und lässt sie von Glauben,
Hoffnung und Liebe zu einem Leben in Christus aufschließen. Ein Kind
Gottes strebt nicht nach dem, was Gottes Fürsorge ihm verschließt,
sondern hofft auf das, was Jesus aus seiner Schwäche hervorbringen
kann. Das Vertrauen auf Gottes rettende Macht in diesem Kind Jesus gleicht
uns ihm mehr und mehr an.
Wenn ich zu euch über irdische Dinge
gesprochen habe und ihr nicht glaubt wie werdet ihr glauben, wenn ich zu
euch über himmlische Dinge spreche? (Joh 3,12)
Sechster Tag
0 Morgenstern, Glanz des unversehrten Lichtes,
der Gerechtigkeit strahlende Sonne: 0 komm und erleuchte, die da sitzen
in Finsternis und im Schatten des Todes!
Sünde in uns und um uns herum macht uns blind für die
geistliche Realität. Sünde zieht uns in eine Finsternis und Leb-,
weil Lieblosigkeit, aus der wir durch eigene Anstrengung nicht herausfinden.
Wir müssen nach einem Retter rufen, der uns befreit! „Herr, erbarme
dich!", so rufen wir wie der blinde Bartimäus (Mk 10,46-52) in jeder
Messe. Wenn uns dieser Ruf plötzlich ergreift und aufrüttelt,
sollten wir nicht mit viel Verständnis oder Unterstützung rechnen:
Meist kommen von außen und auch in unserem inneren Ringen falsche
Beruhigungen: „Stell dich nicht so an, nimm dich nicht so wichtig!"
Dann müssen wir - wie Bartimäus - umso lauter rufen und
hartnäckig bleiben. Gerade im Gebet ist das ein sehr wichtiger Punkt!
Denn so weitet sich unsere Seele, damit wir wirklich empfangen können,
was Gott uns geben will. Jesus wird nicht an unserer Bitte vorübergehen.
Sein Wort und sein Geist werden uns aufstrahlen und zum Orientierungspunkt
werden, der uns zu sich herruft.
Wie Bartimäus seinen Mantel müssen wir dann unser altes
Selbst abwerfen, um zu Jesus zu gelangen. Die Kraft dafür werden wir
aus Jesu Ruf empfangen. Wir sind auf Gott hin geschaffen. Was uns von ihm
trennt, schwächt uns. Lassen wir uns das von Jesus nehmen und Licht
und Leben schenken!
Was willst du, dass ich dir tue? Rabbuni,
ich möchte sehen können. (Mk 10, 51)
Siebter Tag
0 König aller Völker, ihre Erwartung
und Sehnsucht; Schlußstein, der den Bau zusammenhält: 0 komm
und errette den Menschen, den du aus Erde gebildet!
Aus Erde gebildet - immer wieder stoßen wir schmerzhaft an
diese Grenze. Auch mit bestem Willen passieren uns Fehler, deren Konsequenzen
unser und das Leben anderer schwer belasten können. Wohin mit unserer
Schwäche? Der König aller Völker kommt als Mensch, der all
unsere Schwäche teilt und seinen Thron am Kreuz errichtet, einem Schandmal
äußeren Scheiterns. Durch all das hindurchgetragen hat Jesus
seine Intimität mit dem Vater im Himmel. Bis zuletzt hat er sich ihm
vollkommen anvertraut.
In seiner Person als dem neuen Adam offenbart Jesus mir die wahre
Erfüllung all meiner Erwartung und Sehnsucht: Intimität und Einheit
mit Gott! Vollkommenes Zeichen und Mittel dafür ist die Eucharistie,
in der er sich mir auf nahezu skandalös nahe Weise gibt: Gott, der
mir sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken gibt! In äußerlich
schwachen Zeichen, deren Machtfülle nach dem Maß meiner inneren
Öffnung für dieses Geheimnis zur Entfaltung kommt.
Gott ist Beziehung innerster Einheit. Ich erfahre ihn und sein machtvolles
Wirken nur, wenn ich mich auf Beziehung mit ihm einlasse. Intimität
mit Gott bleibt sein Geschenk. Doch er will es geben, denn die Erlösung
der Welt vollzieht er durch die Vereinigung des Einzelnen mit Jesus Christus.
So baut Christus seine Kirche auf, nur in ihm und durch ihn findet sie
zur Einheit.
Wollt auch ihr weggehen? (Joh 6,67)
Achter Tag
0 Immanuel, unser König und Lehrer, du
Hoffnung und Heiland der Völker: o komm, eile und schaffe uns Hilfe,
du unser Herr und unser Gott!
Immanuel bedeutet Gott ist mit uns. Die letzten Worte der Heiligen
Schrift erinnern uns, dass wir in einem fortwährenden Advent leben:
„Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald.
- Amen. Komm, Herr Jesus!" (Offb 22,20) Auch über Weihnachten
hinaus soll die Bitte meines Herzens bleiben, dass Jesus als Herr in mein
Leben und in diese Welt kommt. Jesus kommt mit Wahrheit, Liebe und Barmherzigkeit.
Seine Wahrheit sieht mich, wie ich wirklich bin, mit all meinen Fehlern,
Wunden und dem Elend in meiner Seele.
Seine Liebe nimmt mich genauso an, aber bleibt nicht dabei stehen,
sondern will all das aus mir herauslieben. Heilung tut oft erst weh, doch
Jesu Erbarmen schenkt den Mut dazu, weil ich nicht alleine mit meinem Elend
fertigwerden kann. Christsein besteht darin, Jesus als meinen Heiland anzunehmen,
als den Einzigen, der mich wirklich heilt!
In diese Tiefe darf mein Glaube gehen, von dieser Hoffnung darf
mein Gebet sprechen. Meinem Immanuel darf ich alles sagen und geben, was
mich belastet. Nach seiner Hilfe darf ich immer rufen, wenn mich die Konsequenzen
meiner Fehler und Sünden niederdrücken. Er will die Mitte meines
Herzens sein, um in ihr alles aus sich strömen zu lassen, was mich
heiler, glaubender, hoffender und liebender werden lässt. Lass Dir
von ihm vergeben und Neuwerdung schenken!
Willst du gesund werden? (Joh 5,6b)
Neunter Tag
Denn ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn
wurde uns geschenkt Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt Man
rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit,
Fürst des Friedens. (Jesaja, 9,5)
Welch ein Gegensatz: Ein neugeborenes Menschenkind ist das hilfloseste
Wesen überhaupt und wirft doch das Leben seiner Familie um wie nichts
sonst. Dass er, der alle Macht in den Händen hält, Mensch geworden
ist als Kind, ganz auf Zuwendung angewiesen, zeigt die Weise der Nähe,
die er zu mir sucht: Er will mich und meine Seele ganz einnehmen und macht
sich doch vollkommen abhängig von der Öffnung meines Herzens.
Gott bleibt nicht enthoben, seine Zuwendung geht so weit, dass er
von mir ein Schicksal annimmt: Werde ich ihn einlassen, bin ich zu solcher
Einswerdung bereit, dass er sein Leben in mir leben darf und ich meines
in ihm leben will?
So klein, unscheinbar und still, wie ich ihn in der Krippe finde,
ermöglicht er mir, ihn auch dort zu finden, wo er sich zu verhüllen
scheint: in meinem konkreten Leben. Mein Leben kann nicht an ihm vorbei
zu Wahrheit und Fülle gelangen, denn dieses Kind ist der wunderbare
Ratgeber, starke Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.
Jesus in der Krippe schenkt mir die Gnade, die Zärtlichkeit
des Vaters im Himmel wieder neu zu erfahren. So will er auch meine Sehnsucht
nach seiner Wiederkunft erneuern. Denn wäre Christus tausendmal geboren,
und nicht in mir, ich bliebe doch in alle Ewigkeit verloren (nach
Angelus Silesius).
Liebst du mich? (vgl. Joh, 21,16)
(Quelle:
mit schriftlicher Erlaubnis von: REGNUM CHRISTI - Legionäre
Christi, Köln)