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Die Unterscheidung
der Geister, die gegenwärtig in der Kirche am Werk sind
Dr. Gabriele Waste
1. Die innerkirchliche
Gesamtentwicklung im Gefolge des II. Vatikans:
Organische Entfaltung oder Zersetzung des katholischen Glaubens?
Seit der Reformation, besonders aber seit dem 19. Jahrhundert setzte
sich das Päpstliche Lehramt mit den Strömungen auseinander, welche
die Kirche von außen her bedrohten. So richtete Papst Pius IX. den
am 8. Dezember 1864 erschienenen Syllabus ausdrücklich gegen die „hauptsächlichsten
Irrtümer unseres Zeitalters", die er mit dem damals herrschenden Zeitgeist
bzw. dem Wesen der modernen Kultur selbst identifizierte1. Mit
dem Pontifikat Pius X. änderte sich die Zielrichtung der päpstlichen
Lehrschreiben: Beginnend mit der Enzyklika Pascendi Dominici Gregis vom
8. September 1907 kamen nunmehr innerkirchliche Strömungen wie vor
allem der Modernismus zur Sprache, die Papst Pius X. eindeutig als Irrtum
und Häresie bezeichnete. Auch die Enzyklika Humani Generis von Papst
Pius XII. (12. August 1950) wandte sich gegen alle Bestrebungen im Inneren
der Kirche, die letztlich auf die Forderung der Autonomie des menschlichen
Geistes zurückgehen.
Bereits mit den Vorbereitungen zum II. Vatikanum hatten sich aber
nicht nur die Auseinandersetzungen im Inneren der Kirche zugespitzt: Sogar
der bisher überlieferte Glaube der Kirche schien plötzlich einen
radikalen Wandel erfahren zu haben. Denn vieles, was zuvor von den Päpsten
verurteilt worden war, wurde plötzlich im theologischen Diskurs salonfähig.
Ein eklatantes Beispiel hierfür ist die Konzilserklärung über
das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, Nostra
Aetate (28. Oktober 1965), worin genau das Gegenteil von dem behauptet
wird, was bis zum Konzil in Bezug auf die Ökumene für die Gesamtkirche
Geltung hatte. Auch die pastorale Konstitution über die Kirche in
der Welt von heute, Gaudium et spes (7. Dezember 1965), vertritt eine Sicht,
die sich diametral zum Syllabus verhält und die deshalb sogar als
„Antisyllabus" bezeichnet wurde2. In vielen
Fällen wie etwa bei der nachkonziliaren Liturgiereform ist es zudem
nicht einmal sicher, ob und wieweit sich die notwendig hingestellten Neuerungen
überhaupt auf Vorgaben des Konzils berufen dürfen. Diese
Abkehr von der kirchlichen Überlieferung zeigt sich auch in diversen
Aussagen und Aktionen der Päpste in der Nachkonzilsära, wie etwa
dem Gebetstreffen von Papst Johannes Paul II. in Assisi und der letzten
Enzyklika Amoris laetitia von Papst Franziskus.
Es erhebt sich nun die Frage, ob es sich dabei um eine organische
Ausfaltung des katholischen Glaubens und damit um eine legitime Pluralität
innerhalb der Kirche handelt oder ob hier vielmehr eine Abkehr vom überlieferten
Glauben vorliegt, der notwendig in einen Prozess der Zersetzung und Auflösung
mündet. Dazu bedarf es einer besonderen „Unterscheidung der Geister",
die über das klassische, meist auf Individuen oder höchstens
Gemeinschaften beschränkte Schema der geistlichen Schriftsteller hinausreicht
und die Gesamtkirche anhand einer spezifischen „Theologie der Unterscheidung"
ins Blickfeld der Betrachtung rückt.
2. Die Unterscheidung
der Geister im weiteren und im engeren Sinn (Dämonologie)
Die Unterscheidung der Geister bedeutet die Fähigkeit, den
geistigen Hintergrund von Phänomenen zu erkennen und zu durchleuchten.
Je nachdem, ob der Bereich der Dämonologie tangiert wird, liegt der
Schwerpunkt mehr auf der subjektiven Seite, d. h. auf der persönlichen
Befähigung durch eine Geistgabe, oder auf der objektiven Seite, wobei
die überlieferte Lehre der Kirche im Vordergrund steht.
2.1 Die Unterscheidung im weiteren Sinn:
Geistgabe als Befähigung und objektbezogene
Reflexion
Der Begriff als solcher leitet sich vom Neuen Testament ab: In 1
Kor 12,10 wird die Unterscheidung der Geister im Kontext mit anderen Geistgaben
angeführt. Allerdings handelt es sich ursprünglich eher um eine
Methode, ein Verfahren, als um eine inhaltliche Festlegung3.
Denn die Unterscheidung der Geister bedeutet grundsätzlich nur eine
Befähigung zum diskursiven oder intuitiven Denken, die sich jedoch
in weiterer Folge auf ein bestimmtes Objekt erstrecken muss. Es ist aber
zu kurz gegriffen, diese Gabe einzuschränken auf die Prüfung
des „geistigen und sozialen Umfelds der Gemeinde" und den „Erwerb der persönlichen
Kompetenz, zwischen wahr und unwahr, richtig und falsch, angemessen und
unangemessen zu unterscheiden". Auch die ebenfalls im neuen Lexikon für
Theologie und Kirche angeführten Kriterien der „inneren Ausgeglichenheit
und sozialen Fruchtbarkeit"4 beschreiben nur einen marginalen
und nicht einmal obligatorischen Teil dessen, was diese Geistgabe in ihrem
Wesen und ihrem Wirkumfang ausmacht. Eine solche Sichtweise unterscheidet
nämlich nicht zwischen der natürlichen Befähigung und der
übernatürlichen Gnadengabe: Denn auch ein Ungetaufter kann sich
mit seiner Lebenswelt und deren Phänomenen auseinandersetzen und diese
unter bestimmten Gesichtspunkten in ein Schema integrieren. Von einer Geistgabe
im eigentlichen Sinn kann aber nur dort die Rede sein, wo der Bereich der
Übernatur tangiert ist, sei es in Lehre oder Praxis.
Der objektbezogene Bereich dieser Geistgabe wurde bereits in der
Frühzeit der Kirche von geistlichen Schriftstellern abgehandelt. Bekannt
sind u. a. die Predigt des hl. Bernhard von Clairvaux zur Unterscheidung
der Geister sowie die Unterscheidungsregeln, die der hl. Ignatius von Loyola
im Anhang an seine Geistlichen Übungen aufstellte. Diese beziehen
sich jedoch vorrangig auf das menschliche Seelenleben bzw. die Seelenführung,
wobei aber nicht in jedem Fall dämonologische Aspekte mit im Spiel
sind, und zwar nicht einmal dann, wenn übernatürliche Motive
zum Tragen kommen wie etwa bei der Frage nach der richtigen Standeswahl.
Auch Origenes hatte schon davor gewarnt, alle menschlichen Regungen etwa
Hunger und Durst oder den Geschlechtstrieb auf die bösen Geister zurückzuführen5.
Auf diese Weise würde nämlich auch einem gnostischen Weltbild
Vorschub geleistet. Sobald aber dämonische Einflüsse mit im Spiel
sind, tritt die persönliche Befähigung infolge der verliehenen
Geistgabe in den Hintergrund zugunsten des Objektbereichs, nämlich
der Unterscheidung bösgeistiger Einflüsse, wie sie anhand von
Schrift und Tradition zu erkennen sind. Dieser Vorrang des Objektbereichs
gilt vor allem dann, wenn der Geisterkampf im Inneren der Gesamtkirche
im Blickfeld steht.
2.2 Die Unterscheidung im engeren Sinn: Feststellung
bösgeistiger Einflüsse
Die Unterscheidung der Geister im Sinne der Dämonologie ist
jenes Gebiet, dessen Materialobjekt sowohl für die Einzelperson als
auch für die Gesamtkirche Geltung hat. Bösgeistige Einflüsse
sind nämlich in jedem Bereich der gefallenen, durch die Erbsünde
in Mitleidenschaft gezogenen Schöpfung festzustellen.
Wenn auch beim Individuum wie auch in einer bestimmten Gruppe oder
Gemeinschaft eine „neutrale Zone" gegeben ist, in der die Schöpfungskräfte
und geistigen Gaben frei am Werk und nicht in jedem Fall dämonisch
beeinflusst sind, so kann dieser Freiraum keinesfalls für die Kirche
in ihrer Gesamtheit beansprucht werden. Denn der einzelne Mensch ist seinem
Ursprung nach zuerst in seinem natürlichen Lebensraum beheimatet und
wird erst durch die Taufe Glied des Corpus Christi Mysticum und damit der
übernatürlichen Welt. Die Kirche jedoch gehört - ungeachtet
ihrer sichtbaren Dimension - wesenhaft und ausschließlich der übernatürlichen
Sphäre an, weshalb sich in ihrem Inneren auch ein ständiger Geisterkampf
abspielt. Es gibt daher keinen neutralen und damit gnadenfreien Bereich
innerhalb der Kirche, der von dieser ständigen Auseinandersetzung
ausgenommen wäre.
Ein erstes formales Kriterium zur Unterscheidung
der innerhalb der Kirche wirkenden Geister ist daher die Tatsache, dass
unmöglich ein theologischer Lehrsatz bzw. ein Dogma und zugleich dessen
Gegenteil in gleicher Weise Geltung haben bzw. vom Heiligen Geist inspiriert
sein können. Eines muss wahr und das andere falsch sein, eines
verdankt sich dem göttlichen Einfluss und eines notwendigerweise dem
Einfluss des Widersachers. Einen Bereich, in dem sich die kirchliche Lehre
infolge einer organischen Entwicklung in ihr Gegenteil verkehrt und damit
eine substantielle Änderung erfährt, gibt es nicht.
Als grundlegendes inhaltliches Unterscheidungsmerkmal lässt
sich in weiterer Folge festhalten, dass bösgeistige Einflüsse
a priori immer und überall dort am Werk sind, wo die gnadenhafte Prägung
und Mission der Kirche geschmälert oder geleugnet wird. Denn dadurch
wird ihr innerstes Wesen getroffen und zerstört. Von diesen Distinktionen
ausgehend lässt sich eine eigene Theologie der Unterscheidung aufstellen
und auf die aktuelle kirchliche Situation anwenden.
3. Die Unterscheidung
der Geister als theologisches System: die Kennzeichen bösgeistiger
Inspiration
Bösgeistige Einflüsse im Lehrsystem der Kirche sind immer
dann gegeben, wenn das Corpus Christi Mysticum in seiner übernatürlichen
Wesensbestimmung angegriffen wird. Dazu gehören vor allem die Verzerrung
des Verhältnisses von Natur und Übernatur, des Trinitätsgeheimnisses
und der Christologie.
3.1 Die Verzerrung des Verhältnisses von
Natur und Übernatur
Der primäre Bereich dämonischer Einflussnahme, mit dem
alle übrigen in ursächlichem Zusammenhang stehen, ist der Naturalismus
als System und dadurch eine naturalistische Sicht der Kirche und ihrer
Lehre. Denn darin wird alles auf die Natur zurückgeführt und
der übernatürliche Status des Corpus Christi Mysticum sowie jedwede
Möglichkeit übernatürlicher Einflussnahme bestritten. Der
Naturalismus ist deshalb dämonischer Art, weil darin eine Parallele
zum Engelsturz zu sehen ist. Nach Thomas von Aquin bestand nämlich
das Vergehen des Dämons darin, entweder sein letztes Ziel in das zu
setzen, was er allein durch die Kräfte der Natur erreichen konnte,
oder aber durch seine natürlichen Fähigkeiten zur glorreichen
Glückseligkeit gelangen zu wollen ohne die Hilfe der Gnade6.
Noch pointierter formulierte Kardinal Pie von Poitiers (1815-1880)
die geistige Parallele zwischen dem Engelsturz und dem Naturalismus, und
zwar im Hinblick auf die geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts:
Satan erbebte bei dem Gedanken, sich vor einer niedrigeren Natur
als der seinen niederzuwerfen, vor allem bei dem Gedanken, von diesem Wesen,
[...] selber einen aktuellen Zuwachs an Licht, Wissen, Verdienst und eine
Zunahme an Herrlichkeit und Glückseligkeit zu empfangen. Da er sich
in der Würde seiner ursprünglichen Verfassung verletzt betrachtete,
verschanzte er sich hinter dem Recht und dem Anspruch der natürlichen
Ordnung; er wollte weder in einem Menschen die göttliche Majestät
anbeten, noch einen Zuwachs an Glanz und Glückseligkeit in sich selber
annehmen, der sich von dieser vergöttlichten Menschheit ableitet7.
Den Naturalismus nennt Kardinal Pie sogar das Antichristentum schlechthin8.
In diese paradigmatische Reihe gehören aus historischer Sicht zunächst
alle Selbsterlösungsversuche ohne Zuhilfenahme der Gnade wie etwa
der Pelagianismus: Seine ursprünglichen Vertreter betrachteten die
Anlagen der menschlichen Natur, besonders den Hang zum Guten und die Fähigkeit
zum sittlichen Handeln, als fundamentale Form der Gnade selbst. Im weiteren
Sinne bezeichnet der Pelagianismus jene Formen der abendländischen
Anthropologie, welche die Freiheit des Menschen und sein sittliches Vermögen
hervorheben und die Notwendigkeit einer heilenden und heiligenden Gnade
leugnen oder unterbewerten9. Das entgegengesetzte Extrem auf
der Skala des Naturalismus sind der Gnostizismus jedweder Art und damit
alle supranaturalistischen Strömungen wie etwa der Protestantismus,
für welche die übernatürliche Ausstattung dem Menschen bereits
angeboren ist. Diese vertreten im Gegensatz zum Pelagianismus eine äußerst
pessimistische Sicht der menschlichen Natur. Jedwede Form von Naturalismus,
ob pelagianischer oder gnostischer Art, zielt darauf ab, den Geheimnischarakter
des Christentums zu zerstören. Beide treffen daher die Mysterien des
christlichen Glaubens in ihrem Kern, wozu vor allem die Heiligste Dreifaltigkeit
zählt.
3.2 Die Verzerrung des Trinitätsgeheimnisses
Das Trinitätsmysterium ist das Zentralgeheimnis des christlichen
Glaubens überhaupt: nämlich die Wesensgleichheit der drei verschiedenen
göttlichen Personen. Dieses Geheimnis ist ein mysterium stricte dictum;
es steht weit über dem Gesichtskreis der bloßen menschlichen
Vernunft, weshalb wir nun auf dem Wege der Offenbarung davon Kenntnis haben
können. Infolge seines übernatürlichen Charakters ist es
zugleich übervernünftig. Jede theologische Auseinandersetzung
mit der Trinität muss daher bei diesem geoffenbarten Mysterium ansetzen.
Die Verzerrung der Trinitätslehre beginnt dort, wo man das
Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit aus der Natur ableiten oder ausschließlich
mit den Mitteln der Vernunft erklären möchte. Dies ist dann der
Fall, wo entweder die Dreipersönlichkeit Gottes geleugnet wird wie
bereits bei den judenchristlichen Häretikern (Monarchianismus) oder
der zweiten und dritten Person der Gottheit die Wesensgleichheit dem Vater
abgesprochen wird (Arianismus, Mazedonianismus). Von diesen beiden Gruppen
leiten sich alle übrigen häretischen Strömungen bis in unsere
Tage ab. Denn nur wenn die innertrinitarischen Relationen, nämlich
die Zeugung des Sohnes und die Hauchung des Geistes, die Wesensgleichheit
der göttlichen Personen nicht schmälern oder verändern,
kann das Trinitätsgeheimnis als Offenbarung der Heiligkeit und reinen
Geistigkeit Gottes verstanden werden. Diese Relationen sind nicht naturnotwendig
gegeben oder gefordert, sondern vielmehr Produktionen, die sich der göttlichen
Überfülle verdanken und deren Fruchtbarkeit offenbaren. So erkennt
Gott in der Zeugung des Sohnes aus seinem Intellekt sich selbst und nicht
etwas von sich selbst wesenhaft Verschiedenes wie im Falle der natürlichen
Zeugung:
Gott kann nicht sein Wort und Bild produzieren, um sich erst zu
erkennen; er produziert es, weil er sich erkennt, aus der überströmenden
Fülle und Aktualität seiner Erkenntnis, die eben keine bloße
Erkenntnis, sondern eine unendlich fruchtbare Erkenntnis ist und wegen
ihrer unendlichen Fruchtbarkeit danach strebt, sich einen adäquaten
Ausdruck zu geben in einem Worte und Bilde, das im Schoße Gottes
verbleibt10.
In gleicher Weise geht der Heilige Geist aus dem Willen bzw. der
gegenseitigen Liebe des Vaters und des Sohnes auf dem Weg der Hauchung
hervor:
Gott ist seine Liebe in der reinsten und vollsten Aktualität;
aber eben deshalb, lehrt uns der Glaube, weil die Liebe in Gott kein hervorgerufener
Akt, weil sie ein ewiger Ur-Akt und eben dadurch zugleich ein überreicher
Akt ist, ist sie nicht minder fruchtbar als die göttliche Erkenntnis;
deshalb bringt Gott durch sie einen unermesslichen Hauch, eine Aspiration
der Liebe, hervor und ein unendliches Liebespfand11.
Jede Verzerrung des Trinitätsgeheimnisses mündet daher
in den Pantheismus, in eine naturalistische Verknüpfung von Gott und
Welt, und ist in jedem Fall Produkt bösgeistigen Wirkens. Es handelt
sich zwar um das höchste Geheimnis des christlichen Glaubens überhaupt;
doch ist es zugleich „eine notwendige Wahrheit, die man wegen dieser objektiven
Notwendigkeit, wenn nicht begreifen, so doch beweisen zu können glaubt"12.
Die Inkarnation hingegen erscheint unter allen Umständen als übernatürliches,
außerordentliches Werk Gottes, dessen Wert oder Bedeutung sofort
verlorenginge, wenn man es mit dem Maße der natürlichen Vernunft
messen wollte. Deshalb ist sein geheimnisvoller Charakter im Allgemeinen
mehr anerkannt als der irgendeines anderen Mysteriums13 und
folglich auch bevorzugter Gegenstand aller naturalistischen Unterminierungsversuche
des christlichen Glaubens.
3.3 Die Verzerrung des Gottmenschentums und
des Erlösungswerkes Jesu Christi
Das kirchliche Dogma, das auf dem Konzil von Chalcedon (451) verkündet
wurde, lehrt die Vereinigung der beiden Naturen, der göttlichen und
der menschlichen, in Christus in der Einheit der Person:
Ein und derselbe ist Christus, der einziggeborene
Sohn und Herr, der in zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt
und unteilbar erkannt wird, wobei nirgends wegen der Einigung der Unterschied
der Naturen aufgehoben ist, vielmehr die Eigentümlichkeit jeder der
beiden Naturen gewahrt bleibt und sich in einer Person und einer Hypostase
vereinigt; der einziggeborene Sohn, Gott, das Wort, der Herr Jesus Christus,
ist nicht in zwei Personen geteilt oder getrennt, sondern ist ein und derselbe,
[...]. 14
Eine solche rein persönliche oder rein hypostatische Einheit
ist in der geschaffenen Natur ohne Beispiel und ohne Gleichnis, da sich
in den natürlichen Dingen keine persönliche oder hypostatische
Einheit ohne Einheit der betreffenden Naturen finden kann. Denn keine geschaffene
Substanz ist so selbstständig und ihrer Selbstständigkeit so
mächtig, dass sie eine andere ganz und gar an sich ziehen, sich zu
Eigen machen könnte, ohne wiederum von ihr angezogen und mit ihr verschmolzen
zu werden. Eine Einheit dieser Art ist nur durch Gott und bei Gott möglich15.
Wer daher durch die natürlichen Begriffe der Vernunft das Mysterium
des Gottmenschentums bestimmen und ausmessen will, muss es daher notwendig
entstellen, und zwar entweder in Richtung der Zwei-Personen- oder der Ein-Naturen-Theorie
bzw. Häresie:
Entweder hält er sich an die unendliche Kluft, die das Endliche
vom Unendlichen trennt [...] - und dann wird er sich keine Verbindung des
Endlichen beziehungsweise der menschlichen Natur mit Gott denken können,
durch welche jene Kluft überbrückt, die menschliche Natur zu
einer Natur Gottes erhoben würde. Oder aber er ergreift mit dem Glauben
die wunderbare Innigkeit der Verbindung, fasst sie aber alsdann unter den
Begriff der Natureinheit und drückt dann das Göttliche ebenso
sehr herab als er das Menschliche erhebt. Keiner von beiden, weder der
Nestorianer noch der Eutychianer, erhebt sich zum wahren Begriffe der übernatürlichen
eminenten Erhebung der menschlichen Natur ohne Erniedrigung der göttlichen.
Der erstere schließt die Erhebung der niederen Natur aus, der andere
die in der Erhebung der niederen fortdauernde, ja eben darin sich bewährende
Erhabenheit der höheren Natur.16
Ein weiteres Paradigma christologischer Häresien, die sich
besonders in unserer Zeit bemerkbar machen, erstreckt sich auf das Erlösungswerk
Christi, insbesondere den Unterschied zwischen Erlösung und Rechtfertigung.
Irrtümer dieser Art treten dann auf, wenn kein Unterschied gemacht
wird zwischen der Stellung Christi als Gottmensch gegenüber der Menschheit
einerseits und jener gegenüber der Kirche andererseits. Die Einheit
Christi mit dem ganzen Menschengeschlecht im Sinne einer „virtuellen Vermählung"
erfolgt ausschließlich durch die Inkarnation, ist aber für die
subjektive Erlösung, d. h. die persönliche Rechtfertigung, noch
nicht von Bedeutung. Sie ist nur die „materielle" Grundlegung, Ausrichtung
und Voraussetzung für die „lebendige Einheit" im Mystischen Leib Christi,
der Kirche, durch den Glauben und durch die Taufe. Davon zu unterscheiden
ist die Einheit Christi mit der Kirche als Haupt des Mystischen Leibes
im engeren Sinn aufgrund des Erlösungsopfers. Erst diese letztere
„förmliche Vermählung" Christi mit der Kirche ermöglicht
die Zuwendung der Erlösungsfrüchte an den einzelnen Menschen,
die Mitteilung des göttlichen Lebens und die Eingliederung in den
Mystischen Leib Christi, d. h. die Rechtfertigung17. Eine Vermengung
zwischen der Inkarnation als Voraussetzung der Erlösung, dem objektiven
Erlösungswerk Christi und schließlich der subjektiven Rechtfertigung
des Menschen ist der Ausgangspunkt für die heute verbreitete häretische
Allerlösungslehre, die gewissermaßen den Abschluss und Höhepunkt
aller naturalistischen Irrtümer darstellt. Diese naturalistischen,
gegen den Geheimnischarakter des Glaubens und besonders gegen die Trinität
und das Gottmenschentum Christi gerichteten Tendenzen bilden den Ausgangspunkt
für die konkrete Unterscheidung der Geister in der Kirche der Gegenwart.
4.
Die Unterscheidung der Geister in der aktuellen kirchlichen Situation
Angesichts mancher innerkirchlichen (Fehl-)Entwicklung in unseren
Tagen entfacht sich oftmals die bekannte Kontroverse, inwiefern diese schon
durch die Konzilstexte selbst grundgelegt oder in der Folge durch eine
falsche Hermeneutik der Konzilstexte entstanden ist. Denn abgesehen von
der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute, Gaudium
et spes, und der Erklärung über das Verhältnis zu den nichtchristlichen
Religionen, Nostra Aetate, finden sich in den übrigen Konzilstexten
dem Wortlaut nach und jeder für sich betrachtet keine Abweichungen
von der überlieferten Lehre der Kirche, weshalb es auch in der praktischen
Umsetzung keinerlei Unklarheit geben dürfte. Eine Ursache für
bestimmte Überschreitungen dessen, was das Konzil im Wortlaut festgelegt
hat, besteht vorerst im mehrdeutigen Charakter mancher Texte und dem angeblich
rein pastoralen Charakter des Konzils18. Das
ausschlaggebende Moment für die heutige Gesamtsituation der Kirche
ist aber in der naturalistischen Grundausrichtung des Konzils zu suchen,
die den übernatürlichen Charakter des Corpus Christi Mysticum
auf ein Minimum reduziert bzw. in den beiden genannten Konzilstexten sogar
eliminiert hat. Daher ist es unmöglich, die übrigen Aussagen
des Konzils im Sinne der Tradition zu deuten: Wenn an einer Stelle ein
naturalistischer Einbruch gegeben ist, so zieht sich dieser durch alle
Konzilstexte, die daher zwangsläufig auch naturalistisch und evolutionistisch
unter Hintansetzung des Gnadenlebens der Kirche betrachtet werden müssen.
Diese progressive Naturalisierung des katholischen Glaubens lässt
sich anhand der Schöpfungslehre, der Christologie und im Hinblick
auf das Wirken des Heiligen Geistes mitverfolgen.
4.1 Die Naturalisierung des Glaubens im Hinblick
auf die Schöpfungslehre
Der christliche Schöpfungsgedanke, wie er in den Konzilstexten
zutage tritt, ist eminent pelagianischer Art: Zwar
wird die Erbsünde nirgends geleugnet, aber gerade nirgends ist ausdrücklich
die Rede von der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, von Rechtfertigung,
Gnade, Buße und Umkehr. Vielmehr stellt gerade Gaudium et spes den
Menschen und das Bemühen um seine rein innerweltliche Förderung
und Entwicklung in anthropozentrischer Manier in den Vordergrund: Nicht
von ungefähr nennt diese Konstitution (Nr. 24) den Menschen die „einzige
von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur", was natürlich falsch
ist. Denn der Mensch ist durch Gott und ausschließlich auf
Gott hin in einer freien Schöpfungstat geschaffen.
Eine solche Sicht des Menschen gipfelt letztlich in der Identität
von Gott und Mensch, wie etwa beim Konzilstheologen Rahner, dass die „Tendenz
des Sich-enthoben-werdens auf den absoluten Gott" eine Konstitutive des
menschlichen Wesens selbst sei und der Mensch auf diese Weise des Sich-Enthobenwerdens
mit dem Logos geeint werde. Diese gehöre zum Selbstbewusstsein des
Menschen und werde in der hypostatischen Union im höchsten Maße
verwirklicht19. Rahner setzt also Natur
und Übernatur in eins, wenn er das Wesen des Menschen als offene Transzendenz
auf das absolute Sein Gottes hin definiert. Damit entfällt die Heilsnotwendigkeit
der Taufe wie auch der Sakramente überhaupt, womit zugleich die Selbsterlösungsfähigkeit
des Menschen proklamiert wird. Eine ähnliche Sicht vertritt
der junge Theologe Ratzinger: Für ihn ist der Mensch dadurch Mensch,
dass er unendlich hinausreicht über sich und nicht in sich verschlossen
ist. Diese Selbst-Entschränkung des Menschen sei in der Inkarnation
ans Ziel gekommen20. Ratzinger verwischt
damit genauso wie Rahner den Unterschied zwischen Schöpfung und Erlösung
im Sinne der Tradition in Richtung Selbsterlösung. Den gleichen Weg
schlug auch Papst Johannes Paul II. ein, und zwar bereits als Erzbischof
von Krakau: Der Weg des Geistes zu Gott geht für ihn „vom Innern
der Geschöpfe und der tiefsten Tiefe des Menschen aus. Auf diesem
Weg findet die moderne Geisteshaltung eine Stütze in der Erfahrung
des Menschen und in der Bejahung der Transzendenz der menschlichen Person.
Der Mensch geht über sich selbst hinaus, der Mensch muss über
sich selbst hinausgehen21." Wenn der Mensch
sich von Natur aus wirklich selbst transzendierte, so wäre in der
Folge das Erlösungswerk Christi und die Kirche als sichtbare Trägerin
seines Vermächtnisses nicht im Geringsten heilsnotwendig.
Die Naturalisierungstendenzen, wie sie bereits im Konzil und bei
den genannten Theologen manifest werden, weisen a priori in Richtung einer
Allerlösungslehre. An dieser Stelle wird aber auch ein scheinbares
Paradox des Pelagianismus sichtbar: Jede Überbeertung
der menschlichen Natur im Bereich der Schöpfung, jede Vermengung zwischen
Natur und Übernatur durch die Annahme einer übernatürlichen
Anlage im Menschen führt zwangsläufig zur Verlagerung des Erlösungsgeschehens
von den Sakramenten der Kirche in Richtung des menschlichen Bewusstseins
und dadurch zur Gnosis22.
4.2 Die Naturalisierung des Glaubens im Hinblick
auf Christologie und Ekklesiologie
Die christologischen Aussagen des Konzils bewegen sich im Allgemeinen
im Rahmen von Tradition und Rechtgläubigkeit, wenn auch gewisse naturalistische
Verschiebungen festzustellen sind. Dazu gehört folgende Aussage in
der Dogmatischen Konstitution über die Offenbarung, Bei Verbum (Nr.
2): „Das Offenbarungsgeschehen ereignet sich in Wort und Tat, die innerlich
miteinander verknüpft sind: die Werke nämlich, die Gott im Verlauf
der Heilsgeschichte wirkt, offenbaren und bekräftigen die Lehre und
die durch die Worte bezeichneten Wirklichkeiten." An dieser Stelle ist
nur von Werken die Rede, aber nicht von den Wundern Jesu, die einen zentralen
Punkt der christlichen Apologetik als Zeugnis für die Gottessohnschaft
darstellen23. Durch die Verwischung des
Unterschieds zwischen den Werken Gottes im Allgemeinen und den Wundern,
die Jesus Christus durch Überschreitung der Naturgesetze wirkte, wird
einer Naturalisierung des Glaubens Vorschub geleistet.
In offenem Widerspruch zur überlieferten Ekklesiologie steht
jedoch die Wesensbestimmung der Kirche, die in Lumen Gentium (Nr. 1), der
Dogmatischen Konstitution über die Kirche (21. November 1964), vermittelt
wird: „Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt
Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für
die Einheit der ganzen Menschheit". Hier wird die Einheit der Kirche mit
jener der Menschheit verwechselt: Die Sehnsucht Jesu nach Einheit der Kirche
(vgl. Joh 10,16) gehört zum „Formalobjekt des soteriologischen Diskurses;
die Einheit des Menschengeschlechtes bildet hingegen einen Teil des philosophisch-wissenschaftlichen
Diskurses"24. Darüber hinaus wird einer gnostisch geprägten Allerlösungslehre
Vorschub geleistet, die das Erlösungswerk von der Heilsnotwendigkeit
der Kirche und der Sakramentenspendung ins menschliche Bewusstsein verlagert.
Typisches Beispiel dafür ist die Allerlösungstheorie in jener
Form, die Papst Johannes Paul II. vertrat: Da angeblich jeder Mensch, ob
getauft oder nicht, den unendlichen Gott in sein Inneres aufzunehmen vermag,
wären folglich alle Menschen a priori aufgrund der „wunderbaren Transzendenz
des Menschengeistes" in der „Kirche des lebendigen Gottes vereint"25.
Die geschichtliche Offenbarung hingegen, die durch Jesus Christus den Menschen
angeboten wird, hat für Johannes Paul II. nur einen „anthropologischen
oder gar anthropozentrischen Charakter. [...] Diese Offenbarung kreist
um den Menschen: ,Christus macht dem Menschen den Menschen selbst kund'..
26.". Gott wird also auf ein Mittel zur Erhellung der menschlichen
Existenz reduziert, weshalb sich die Erlösung nur durch einen Prozess
der Bewusstwerdung vollziehen kann. Diese durch das
II. Vatikanum grundgelegten gnostisierenden Tendenzen sind sicher mitverantwortlich
für den Aufschwung der Esoterik in den letzten Jahrzehnten.
Mindestens ebenso schwerwiegend in ihren Auswirkungen wie Lumen
Gentium 1 ist die sogenannte subsistit-in-Theorie gemäß Lumen
Gentium 8, wodurch die Identität der Kirche Christi mit der Katholischen
Kirche aufgehoben wird: Die Kirche Christi ist nicht mehr die Katholische
Kirche, sondern subsistiert nur noch in dieser27. Auf diese
Weise meinten die Konzilsväter, Elemente der Heiligung und der Wahrheit
auch außerhalb ihres Gefüges finden zu können. Diese
Theorie ist aber ebenso gnostisch geprägt wie die Allerlösungslehre.
Sie ist nämlich nur dann schlüssig, wenn der objektbezogene
Glaube zugunsten eines subjektiven, bewusstseinsorientierten Glaubensvollzugs
aufgegeben wird. Eine so geprägte Ekklesiologie
und Soteriologie wurde so zum Wegbereiter für den größten
Einbruch in die Kirche im Gefolge des Konzils, nämlich die neue Form
von Ökumene als offener Widerspruch gegen den Heiligen Geist und sein
Wirken in der Kirche.
4.3 Die Naturalisierung des Glaubens im Hinblick
auf die Pneumatologie
Gemäß dem Herrenwort in Joh 16,14 („Dieser wird mich
verherrlichen; denn er wird von dem Meinigen nehmen und euch verkünden")
ist der Heilige Geist das Universalprinzip, von dem aus alle übernatürlichen
Lebenskräfte, d. h. alle Gnaden, auf die Kirche, das Haupt (Christus
nach seiner Menschheit) und die Glieder überfließen.28
In diesem Sinne erklärte auch Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika
Divinum illud unter Berufung auf den hl. Augustinus: „Wie Christus das
Haupt der Kirche ist, so ist der Heilige Geist ihre Seele."29
Da also die Aufgabe der unsichtbaren Seele der Kirche die Verherrlichung
des sichtbaren Hauptes ist, sind Christus und der Heilige Geist - analog
zur Wesensgleichheit innerhalb der Heiligsten Dreifaltigkeit - gleichwertige,
aufeinander bezogene Lebensprinzipien der Kirche. Wo also die Rolle des
Sohnes geschmälert und jene des Heiligen Geistes überbetont wird,
dort ist bereits die Tür für Synkretismus und falsche Ökumene
geöffnet, wie etwa in der äußerst zweifelhaften Aussage
von Johannes Paul II.: „... dass Christus seine Kirche nicht so sehr auf
sich selbst als vielmehr auf den Heiligen Geist aufbaut. Er, Jesus, der
Christus, ist bloß ein Diener (vgl. Mk 10,45)..."30. Indem
nämlich die unsichtbare Geistkirche in den Vordergrund gerückt
ist, wird das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche von der Menschwerdung
und vom Erlösungswerk Christi als seinen grundlegenden Prämissen
getrennt. Eine Ekklesiologie dieser Art ist aber nicht vom Heiligen Geist,
sondern vom Widerpart Gottes diktiert, nicht zuletzt als offener Gegensatz
zur Trinitätslehre der Kirche.
Aus diesem Grund ist auch die Konzilserklärung
Nostra Aetate in ihrer Gesamtheit mit Schrift und Tradition nicht vereinbar.
Denn eine positive Sicht der nichtchristlichen Religionen, sei es in ihrer
Gesamtheit oder unter einzelnen Gesichtspunkten, ist nur dann denkbar,
wenn die Katholische Kirche nicht nur ihren Absolutheitsanspruch aufgibt,
sondern sich nicht mehr als ontologische, gnadenhafte Größe
versteht. Sie wäre dann nur noch ein den jeweiligen Zeitumständen
angepasstes Konstrukt von Menschenhand, aber nicht mehr der Mystische Leib
Christi. Mit anderen Worten: Da alle nichtchristlichen Religionen
nicht über die Stufe des Mythos hinausreichen, ist ein Vergleich der
überlieferten Lehre der Kirche mit ihnen nur auf mythologischer, nicht
aber auf theologischer Basis möglich.31
Die synkretistischen Bestrebungen unserer Zeit im Zuge des II. Vatikanums
stehen auch unter einem anderen Gesichtspunkt im Gegensatz zum Wirken des
Heiligen Geistes. Da der Heilige Geist auch Lehrer der Apostel war und
steter Begleiter und Führer des kirchlichen Lehramts ist, waren alle
Konzilien bis zum II. Vatikanum bestrebt, die Lehre der Kirche möglichst
genau festzulegen und gegen Irrtümer abzugrenzen. So vollzog sich
auf dem „ersten Konzil", dem Apostelkonzil von Jerusalem (50 n. Chr.),
die endgültige Trennung der Kirche von der Synagoge; auf dem I. Vatikanum
(1869-1870), der letzten Kirchenversammlung vor dem II. Vatikanum, wurde
die Würde der menschlichen Vernunft von den Kirchenvätern gegen
den Fideismus und andere Zeitirrtümer in Schutz genommen. Aber
zu keinem Zeitpunkt der Kirchengeschichte bis zum II. Vatikanum hatte jemals
ein Konzil dem Synkretismus und damit zusammenhängenden Bestrebungen
gehuldigt.
Der Synkretismus seinerseits ist ein
Produkt des Materialismus, der Anthropozentrik und folglich einer rein
materialistischen, veräußerlichten Sicht der Religion, die keinesfalls
über die rein natürliche Sphäre hinausreicht und kein übernatürliches
Ziel des Menschen kennt. Der Synkretismus steht daher im Gegensatz zu jeglicher
Teleologie und damit zum Wesen und zur Wirksamkeit des Heiligen Geistes
als Vollender aller geschaffenen Dinge. Nach den Worten von Papst Leo XIII.
in Divinum illud ist nämlich der Heilige Geist... die Endursache aller
Dinge, weil, genauso wie am Ziel der Wille und im Allgemeinen alles zur
Ruhe kommt, der Heilige Geist, der die göttliche Güte ist und
die gegenseitige Liebe zwischen Vater und Sohn, jenes geheimnisvolle Wirken
zum ewigen Heil der Menschen durch seinen wirklich und innigen Antrieb
zu Ende und zur Vollendung führt.32
Das II. Vatikanum und alle modernistischen Erneuerungsbestrebungen,
die sich darauf berufen, finden ihre historische Parallele in der letztlich
materialistischen Geisteshaltung, die der Apostel Paulus im Brief an die
Galater (Gal 3,3) kritisierte: Demzufolge hat die Kirche am Pfingstfest
im Geist begonnen und durch das II. Vatikanum im Fleisch vollendet.
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1 AAS III (1867), 168. - Die entsprechende Passage
ist in der neuesten Ausgabe von Denzinger nicht mehr angeführt.
2 Kardinal Ratzinger, damals Präfekt der Kongregation
für die Glaubenslehre, bezeichnete u. a. die Erklärungen der
Päpste der letzten Jahrhunderte und die antimodernistischen Beschlüsse
vom Anfang des 20. Jahrhunderts als „provisorische Verfügungen", die
heute „in den Einzelheiten ihrer inhaltlichen Bestimmungen überholt
sind" (Vgl. Osservatore Romano vom 27. Juni 1990, 6).
3 Vgl. LThK 3X (Sonderausgabe 2006), Sp. 443f.
4 Ebd., 445.
5 Vgl. Origenes, Peri Archon. Zitiert nach: Marianne
Schlosser (Hg.): Die Gabe der Unterscheidung. Texte aus zwei Jahrtausenden.
Sankt Ottilien 22015, 27-33. Hier: 28.
6 s. th. I, q. 63, art. 3 conclus.
7 Kardinal Pie von Poitiers, Alles in Christus erneuern.
Bischofsworte zur Wiedererrichtung einer christlichen Gesellschaft. Ausgewählte
Texte. Herausgegeben von Michael Fiedrowicz. Fohren-Linden 2015, 140. (Herv.
G.W.)
8 Vgl. ebd., 147.
9 LThK 3VIIII (Sonderausgabe 2006), Sp. 8f.
10 Matthias Scheeben, Mysterien des Christentums.
Mainz 1925, 54. (Herv. kursiv orig., Herv. fett G.W.)
11 Ebd., 55f. (Her. Kursiv orig., Herv. fett G.W.)
12 Ebd., 297f.
13 Vgl. ebd.
14 DH 301. (Herv. kursiv orig., Herv. fett G.W.)
15 Vgl. Scheeben (wie Anm. 10), 303.
16 Ebd., 304. (Herv. G.W.) - Die Nestorianer nahmen
in Christus zwei Personen auf der Grundlage einer bloß akzidentellen
oder moralischen Einheit an und leugneten so die Gottesmutterschaft Mariens
(verworfen in Ephesus 431); die Monophysiten (Eutyches) nahmen nur eine
Natur in Christus an (verworfen in Chalcedon 451).
17 Vgl. Johannes Dörmann, Johannes Paul II. Sein
theologischer Weg zum Weltgebetstag der Religionen in Assisi. Stuttgart
2011, 80f. - Dörmann beruft sich in seinen Ausführungen und Zitaten
auf das auch in diesem Beitrag zitierte Werk von Scheeben. Diese konnten
jedoch an den von Dörmann angeführten Stellen in dieser Ausgabe
der Mysterien (1925) nicht gefunden werden.
18 Vgl. Romano Amerio, Iota Unum. Eine Studie über
die Veränderungen in der Katholischen Kirche im 20. Jahrhundert. Edition
Kirchliche Umschau 2000, § 48: „Von äußerster Wichtigkeit
ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass das Konzil zwar wie üblich
eine Kommission für die authentische Auslegung seiner Dekrete eingesetzt
hat, diese aber niemals authentische Erläuterungen herausgegeben hat
und nirgends angeführt wird."
19 Karl Rahner, Probleme der Christologie von heute.
In: Schriften zur Theologie I, Einsiedeln 1960, 191.
20 Vgl. Josef Ratzinger, Einführung in das Christentum.
München 1968, 182. - Ratzinger hat diese Aussage später auch
als Papst nicht widerrufen.
21 Karol Wojtyla, Zeichen des Widerspruchs - Besinnung
auf Christus. Herder 1979, 26. Zitiert nach: Dörmann (wie Anm. 17),
61.
22 Ausführlichere Abhandlungen über die
Gnosis finden sich in: „Der Protestantismus als gnostisches System", Dienst
am Glauben, Heft 2/2016, und „Die Esoterik als Gegensatz zur christlichen
Tradition", Heft 1/2015.
23 Ausführlich abgehandelt ist diese Thematik
in: „Wesen und Zweck von Wundern in der Heilsgeschichte", Heft 2/2015.
24 Bruno Gherardini, Das Zweite Vatikanische Konzil.
Ein ausstehender Diskurs. Mülheim/Mosel 2010, 209.
25 Johannes Paul II., 27; zitiert nach: Dörmann
(wie Anm. 17), 123.
26 Ebd., 120 (Dörmann 118).
27 Ausführlich abgehandelt ist diese Theorie
in: „Die subsistit-in-Theorie des II. Vatikanums als Ausdruck eines subjektivistisch
verkürzten Glaubens", Heft 1/2016.
28 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik. Bonn n2005,
417.
29 Zitiert nach: Heilslehre der Kirche (abgekürzt:
HK). Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Neuauflage der deutschen Ausgabe
von 1953 (französisches Original Fribourg/Paris 1951), besorgt von
Anton Rohrbasser. Stuttgart, Nr. 11. - Augustinus: „Was in unserm Leib
die Seele, das ist der Heilige Geist im Leibe Christi, der die Kirche ist"
(Sermo CCLXVII de tempore, c. 4. PL 38, 1231).
30 Johannes Paul II., 71; zitiert nach: Dörmann
(wie Anm. 17), 116.
31 Ausführlich abgehandelt ist diese Thematik
in: „Wahrer Glaube gegen den glaubenslosen Mythos: Zum Irrtum der sogenannten
Religionsvielfalt", Heft 3/2016.
32 HK 6. (Herv. G.W.)
(Quelle: "Dienst am Glauben",
Heft 1-2017, S. 19-30, A-6094 Axams)