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Die vollkommene Freude des Bruders „Immerfroh"
(20. Teil der Franziskusbetrachtung) Christoph
Hagen, Bernkastel-Kues
Hier soll die Rede sein von der wahren, geistlichen Freude des Dieners
Gottes. Schweigen wollen wir also über die eitle „Freude" des bloß
Irdischen, über den flüchtigen Spaß.
Der heilige Philipp Neri sagt: „Fröhlich sein, Gutes tun und
die Spatzen pfeifen lassen!"
Vom heiligen Don Bosco stammt das Wort: „Ein trauriger Heiliger
ist etwas Trauriges."
Was diese Heiligen gesagt haben, scheint im Leben des heiligen Franziskus
von Assisi mitreißend auf!
1. Ein Gespräch über
die „vollkommene Freude"
Einst kehrte Franziskus mit Bruder Leo von Perugia nach Portiuncula
zurück. Es herrschte ein strenger Winter.
Da sprach Franziskus zu Leo: „Wollte Gott, daß die Minderen
Brüder der ganzen Welt ein großes Beispiel der Heiligkeit gäben.
Und doch wäre dies nicht die vollkommene Freude."
Eine Weile schwieg Franziskus und fuhr dann fort: „Bruder Leo, wenn
der Mindere Bruder auch Blinde heilte,
Schwache kräftigte,
Teufel austriebe,
Tauben das Gehör schenkte,
Lahme gehend machte,
den Stummen die Sprache gäbe, und, was noch mehr ist, wenn
dieser Mindere Bruder selbst Tote, die vier Tage im Grabe geruht haben,
wieder zum Leben auferweckte, es wäre dies noch nicht die vollkommene
Freude!"
Nach einer erneuten Pause sagte er: „O, Bruder Leo, wenn der Mindere
Bruder auch alle Sprachen redete,
alle Wissenschaft besäße und sämtliche Bücher
kennte, wenn er die Gabe der Weisheit hätte,
zukünftige Dinge voraussagte und die Geheimnisse der Gewissen
und Herzen durchschaute,
das wäre noch nicht die vollkommene Freude."
Während sie weitergingen, fügte Franziskus hinzu: „Bruder
Leo, du Lämmlein Gottes, wenn der Mindere Bruder die Sprache der Engel
redete,
die Bahnen der Gestirne verfolgte und über alle Kräfte
der Pflanzen Bescheid wüßte, wenn er ferner alle Schätze
der Erde wüßte,
ihm die Eigenschaften aller Vögel und Fische und aller anderen
Tiere, der Menschen, der Bäume,
der Steine und Wurzeln und zudem der Gewässer bekannt wären,
das wäre noch nicht die vollkommene Freude."
„Und auch", sagte Franziskus schließlich, „wenn der Mindere
Bruder so gut predigen könnte, daß durch seine Predigt alle
Ungläubigen zu Christus bekehrt würden: Siehe, Bruder Leo, auch
darin bestünde die vollkommene Freude nicht!"
2. Worin aber besteht die vollkommene
Freude?
Bruder Leo wußte nun, worin die vollkommene Freude nicht besteht.
Sein Interesse ging aber (wie auch unseres) darauf, was denn die vollkommene
Freude sei.
So bat er: „Franziskus, mein Vater, so sage mir doch endlich um
Gottes willen, was denn dann die vollkommene Freude des Minderen Bruders
ist!"
Darauf erwiderte Franziskus: „Bruder Leo, wenn wir bei Unserer Lieben
Frau von den Engeln in Portiuncula ankommen, durchnäßt vom Regen,
erstarrt vor Kälte,
mit Kot beschmutzt,
erschöpft vor Hunger an die Pforte anklopfen und der Pförtner
zornig zu uns spricht: ,Wer seid ihr?', und wir antworten: ,Wir sind zwei
von eueren Brüdern', und jener dann sagt: ,Das ist nicht wahr, ihr
seid eher zwei Landstreicher, zwei Betrüger, die den Armen das Almosen
wegstehlen. Packt euch fort von hier!' und wenn er uns nicht öffnet,
stehen läßt,
wir aber diese Mißhandlung und Grausamkeit geduldig,
ohne deswegen verwirrt zu werden oder uns zu beklagen, standhaft
ertragen
und noch Gott dafür danken - Bruder Leo, darin besteht die
vollkommene Freude!
Und wenn wir nicht müde werden, anzuklopfen; und der Pförtner
ganz aufgebracht kommt und uns mit groben Werten und Maulschellen als elende
Diebe wegjagt, indem er spricht: ,Haut ab von hier, geht ins Spital, denn
von mir werdet ihr weder zu essen noch Obdach bekommen!' und wir dies alles
liebevoll,
geduldig und
freudig ertragen, dann, Bruder Leo,
wäre das vollkommene Freude!
Und wenn wir vor Hunger und Kälte und wegen der nächtlichen
Finsternis dennoch gezwungen werden, wieder und wieder zu klopfen, wenn
wir rufen,
wimmern und um der Liebe Gottes willen flehen,
er möchte uns doch öffnen und hineinlassen; und er, noch
mehr erzürnt, zu uns sagt: ,Das sind doch rechte Wichte, Schwächlinge,
ich will sie loswerden', einen großen Knüppel nimmt, uns bei
der Kapuze packt und von Kopf bis Fuß durchprügelt, indem er
uns zu Boden wirft und im Schnee wälzt, wir das alles aber geduldig
und freudig aushalten und währenddessen des bitteren Leidens und Sterbens
Christi gedenken und so daran Anteil erhalten, Bruder Leo, darin besteht
sie, die vollkommene Freude!
Denn: Über allen Gnaden und Gaben des Heiligen Geistes, welche
Christus seinen Freunden erweisen kann, ist diese - sein Ich besiegen und
aus der Betrachtung der Liebe Gottes die Kraft schöpfen, ohne Murren
und freudig Mühen, Unbilden, Schmähungen und Mißgeschicke
zu überstehen. Bei allen anderen Gaben können wir uns nicht rühmen,
weil sie nicht unser, sondern Gottes sind, wie der Apostel sagt: "Was
hast du, das du nicht empfangen hättest; wenn du es aber empfangen
hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?'
(1. Kor 4,7). Aber im Kreuze, in der Trübsal und Widerwärtigkeit
können wir uns rühmen, weil sie unser sind, wie der Apostel sagt:
,Ich
will mich in nichts rühmen, außer im Kreuz unseres Herrn Jesus
Christus!' (Gal 6-14)"
Soweit das Gespräch über die vollkommene Freude. Es scheint
uns weltfremd und lebensfeindlich.
Griesgrämig scheint es so gar nicht zum Bruder Immerfroh zu
passen. Es befremdet uns und stößt ab!
Auf den ersten Blick verständlich.
Beim näheren Hinsehen können wir Franziskus besser begreifen:
3. Die wahre Freude des Geistes
Bei Thomas von Celano finden wir eine sehr gute Verständnishilfe;
er schreibt:
„Das sicherste Mittel gegen tausenderlei Nachstellungen und Listen
des bösen Feindes ist, wie Franziskus zu versichern pflegte, die geistliche
Freude.
Er (Franziskus) sagte nämlich: ,Dann hüpft der Teufel
am meisten vor Freude,
wenn er einem Diener Gottes
die Freude des Geistes entreißen kann.
Der Teufel trägt Staub bei sich, den er nach Belieben in die
kleinen Falten des Gewissens hineinwirft,
um die Reinheit des Gewissens und die Lauterkeit des Lebens zu beschmutzen.
Wenn aber die geistliche Freude die Herzen erfüllt,
dann spritzt die Schlange vergeblich das tödliche Gift aus.
Die bösen Geister können einem Knecht Christi nichts anhaben,
wenn sie ihn
mit heiliger Fröhlichkeit
erfüllt sehen!
Wenn jedoch
der Geist in kläglicher Stimmung, trostlos und traurig ist,
wird er leicht
entweder von der Traurigkeit aufgesogen, oder eitlen Freuden (dem,
was wir oben „flüchtigen Spaß" nannten, Verf.) überlassen."
Daher trachtete der heilige Franziskus danach,
stets im Jubel des Herzens zu verharren,
die Salbung des Geistes und das Öl der
Freude zu bewahren. (Vgl. Ps 44,8)
Die Krankheit der Niedergeschlagenheit suchte
er als die schlimmste mit der größten Sorgfalt zu vermeiden.
Sobald er merkte,
daß sie auch nur ein wenig
in seinen Geiste Eingang gefunden habe,
eilte er
schnell zum Gebet, zur Betrachtung der Liebe
Gottes,
er pflegte nämlich zu sagen: ,Der Knecht
Gottes, der, wie es vorkommen kann,
aus irgend einem Grunde verwirrt ist,
muß sich sofort zum Gebet erheben und
so lange vor dem höchsten Vater verharren,
bis er ihm die Freude seines Heiles (Ps 50,14)
wiedergibt.
Wenn er nämlich länger
in der Schwermut verharrt,
nimmt jenes babylonische Übel,
die Verstrickung
im
Ich
zu, das schließlich,
wenn es nicht durch Tränen der Reue und
Buße ausgetilgt wird, im Herzen,
das ständige Wohnung des geliebten Bräutigams
der Seele
werden soll,
ständigen Rost
erzeugt,
der das Herz verunziert und als Christi Wohnung
mehr und mehr ungeeignet macht.'" (Vgl.
Cel., 346 f., ergänzt durch einige erklärende Zusätze des
Verf.)
4. Die Quellen, aus denen Franziskus
schöpft
Oft ist es beeindruckend, zu verfolgen und nachzuvollziehen, aus
welchen Quellen Franziskus seine Spiritualität schöpft.
Fast durchgehend erweist sich, daß es der Geist der jungen
Kirche, die Weisheit der Apostolischen Väter, sind, die seine religiöse
Praxis und seine geistliche Lehre, die er nicht theoretisch erarbeitet
hat, sondern aus eigener Erprobung bezog, bestimmen.
Bedeutsam, zu wissen, daß ihm die Kirchenväter (anders
als uns heute) nicht zugänglich waren.
Wenn wir das bedenken, erkennen wir, daß auch die Kirchenväter
selbst
ihre Erkenntnisse nicht auf rein natürlichem Wege gewonnen
haben,
indem sie angestrengt ihren Verstand und ihre anderen Geistesgaben
bemühten,
sondern, daß letztlich Gott es war,
der sie als Frucht der frommen Betrachtung gnadenhaft
mit dieser glaubensdurchfluteten Lehre
beschenkte.
Auch an Franziskus hat Gott
aufgrund seiner treuen Betrachtung der Liebe Gottes so
gehandelt.
Den entsprechenden Beweis zu führen, fällt leicht.
Gerade in seiner Lehre über die geistliche Freude, mit der
wir uns in diesem Beitrag beschäftigen,
sind die Übereinstimmungen
mit Geist und Wort der Apostolischen Väter
besonders offensichtlich und fesselnd:
5. Das Öl der Freude bewahren
Als ein Beispiel, was der heilige Johannes Chrysostomos dazu sagt:
„Wir müssen Gott für alles danken
- in jeder Lebenslage. Es nur im Glück zu tun, das ist nichts Großes.
Aber in äußerster Not Gott zu danken, das ist bewunderungswürdig.
Dazu ist große Weisheit und Tugend nötig:
für etwas dankzusagen, worüber andere
Lästerungen ausstoßen und in Verzweiflung
geraten. Durch solchen Dank hast du die Gottheit erfreut,
den Teufel beschämt!
Du hast zu erkennen gegeben, daß dir
das Vorgefallene nichts anhaben kann. Sobald du nämlich auch für
das Unglück Dank sagst, nimmt Gott ihm das Schmerzliche, und der Teufel
muß weichen.
Gerätst du aber in Verzweiflung, sitzt dir der Teufel im Nacken,
weil er sein Ziel erreicht hat.
Sagst du aber Dank, dann zieht der Teufel ab, weil er nichts ausrichten
kann.
Gott vergilt es dir reichlich, weil du ihn geehrt hast: die Seele
ist fröhlich gestimmt, weil sie recht gehandelt hat, sie erfreut sich
sofort heiterer Gewissensruhe.
In einer heiteren Seele kann es nicht finster aussehen.
Es gibt nichts Heiligeres als
eine Zunge, die im Leiden Gott dankt."
Sowohl in den Worten des heiligen Franziskus, die wir vorhin brachten,
als auch jenen des heiligen Johannes Chrysostomos kommt das Gegensatzpaar
Skrupel („Staub in den feinen Falten des Gewissens") - heitere Gewissensruhe
= vollkommene Freude zum Ausdruck und werden übereinstimmende Mittel
aufgezeigt, das Öl der Freude zu erlangen und zu bewahren.
6. Und die alltägliche Umsetzung?
Das hier angeratene Verhalten ist sicher nach wie vor für viele
eine Herausforderung; und sie fragen sich nun, wie sie aufrichtig so widersinnig
handeln können; ja, solchem Handeln den Widersinn nehmen sollen.
Für jene sei hier der wichtige Hinweis
gegeben, daß der Dank für alle Widerwärtigkeiten, die Gott
schickt oder zuläßt, und durch den wir die vollkommene Freude
erlangen können, keineswegs ein Akt des Gefühls,
sondern des Willens ist - ganz genauso wie
die Reue, die wir im Zusammenhang mit dem Empfang des Bußsakramentes
erwecken müssen. Auch hier können Gemütsregungen hinzutreten,
sind aber ganz und gar nicht notwendig, damit
die jeweiligen Akte vor Gott vollwertig und gültig sind.
Im Gegenteil ist der verdienstliche Wert dieser
Akte sicher dort größer, wo man gegen einen gefühlsmäßigen
Widerstand ankämpfen muß.
Schließlich sei zum Trost in Anfangsschwierigkeiten gesagt,
daß Gott dort seine Gnade nicht verwehren wird, wo er unseren guten
Willen sieht, der sich um Ausdauer bemüht.
7. Wie sich die innere, geistliche
Freude nach außen kundtun soll
Kurz und bündig sagt der heilige Franziskus hierzu folgendes:
„Die
Brüder sollen sich hüten,
in ihrem äußeren Gehaben
sich düster
und wie traurige Heuchler zu zeigen;
sie sollen sich vielmehr als Menschen erweisen,
die sich
im Herrn freuen,
heiter und fröhlich
und liebenswürdig sind,
wie es sich geziemt!" (Cel., 349)
Von geistlicher Freude geprägte Menschen zu werden, ist für
alle, die dem heiligen Franziskus nachfolgen wollen; und eigentlich für
jeden wirklichen Christen ein bleibender Auftrag.
Bruder Immerfroh helfe uns allen zu einem Lebensstil und einer Wesensart,
in denen diese vollkommene Freude glaubwürdig und anziehend aufstrahlt
und so auch andere begeistert!
(Quelle: "Dienst am Glauben",
Heft 1 - 2000, S. 8ff., Moosweg 27, A-6094 Axams)