Lourdes - Bernadette Soubirous
Am 11. Februar 1858 erscheint einem armen Mädchen, das gerade beim Holzsammeln ist, eine wunderschöne Dame ... Es klingt wie ein Märchen, ist aber Gott sei Dank Wirklichkeit und die Geburtsstunde des bekanntesten Marienwallfahrtsortes der Welt: Lourdes.

Am 7. Januar 1844, einem Sonntag, kommt in Lourdes ein Mädchen mit Namen Bernadette Soubirous als Älteste von neun Kindern zur Welt. Lourdes, ein unbedeutender Ort im Süden Frankreichs, noch unbedeutender scheint die Familie Soubirous zu sein.

Kampf ums Überleben
Der Vater Francois ist Müller und die Familie bewohnt eine der sechs Mühlen, die entlang des Baches stehen, der durch Lourdes fließt. Die Mutter, Louise, ist erst 17 Jahre alt, als sie Francois heiratet. Vermögende Männer haben um ihre Hand angehalten, ihr Herz jedoch gehört Francois. Der ist ein guter Müller, aber kein Geschäftsmann. Dazu kommen Trockenheiten und schlechte Ernten, so daß Francois im Laufe der Jahre den Großteil seiner Kundschaft verliert. Die Einnahmen aus der Mühle werden immer weniger, die Familie immer größer. Langsam aber sicher rutschen die Soubirous ins Elend.

Bernadette ist ein kränkliches Kind, schon von Geburt an. Im Alter von elf Monaten muß sie zu einer Amme gegeben werden nach Bartres, ein
benachbartes Dorf. Eineinhalb Jahre später kommt sie wieder in das elterliche Haus, bleibt aber mit ihrer „Ersatzmutter" verbunden, die sich nur schwer von der kleinen Bernadette trennen kann.
Im Alter von sechs Jahren erkrankt Bernadette an Asthma und oft quälen sie schrecklicher Husten und Erstickungsanfälle; so kann sie, die so gerne spielt, nicht wie andere Mädchen in ihrem Alter herumspringen und tollen.
1854, Bernadette ist mittlerweile 10 Jahre alt, kann der Vater den Pachtzins für die Mühle nicht mehr aufbringen und die Familie landet auf der Straße.
Nach langer Suche und oftmaligem Wohnungswechsel landen sie schließlich im ehemaligen Arrestlokal von Lourdes, einer dunklen, feuchten
und völlig heruntergekommenen Unterkunft, für die sie nichts bezahlen müssen; von der Bevölkerung le cachot, das Loch genannt, ein Fenster ist noch mit Eisenstäben vergittert. Die ungesunde Behausung trägt zur angeschlagenen Gesundheit Bernadettes das Übrige bei.
Die existentiellen Sorgen und der tägliche Kampf ums Überleben lassen den Eltern wenig Zeit für ihre Kinder. Der Vater ist oft auswärts auf Arbeitssuche, leider oft vergeblich. Bernadette ist mit der Beaufsichtigung ihrer jüngeren Geschwister beauftragt. Francois und Louise gehen mit ihren Kindern jeden Sonntag zur Messe, ansonsten beschränkt sich die religiöse Erziehung auf das Erlernen weniger Grundgebete. Bernadette ist ein bescheidenes, bei jung und alt beliebtes Mädchen. 1857 kommt die 13-jährige Bernadette wieder nach Bartres, um
dort den Religionsunterricht des Pfarrers zu besuchen. Obwohl sie nicht lesen und sich das Gelernte nur schwer auswendig merken kann, bedeutet ihr der Unterricht viel. Doch das währt nur kurze Zeit, der Pfarrer kommt weg und Bernadette wird Schafhirtin. Stundenlang allein in der Natur mit ihren Schafen, betet Bernadette gerne den Rosenkranz.
Schließlich kehrt sie nach Lourdes zurück um dort den Religionsunterricht wieder aufzunehmen, der Bedingung für die Erstkommunion ist.

Die Dame
Am Vormittag des 11. Februar 1858 stellt Louise fest, daß sie nicht mehr genug Holz zum Heizen hat. Bernadette, ihre Schwester Toinette und eine Freundin machen sich auf den Weg um welches zu sammeln. Die Kinder hoffen, in der Nähe einer Grotte, Massabielle genannt, fündig zu werden.
Allerdings müssen sie dazu durch einen Kanal waten. Das Wasser ist eiskalt, Bernadette hat Bedenken wegen ihres Asthmas. Die beiden Mäd-
chen, schon drüben angekommen, lachen sie aus und laufen fort. Plötzlich hörte ich ein Brausen des Windes wie bei Sturmwind ... ich sah an der Felsenöffnung einen einzigen Busch hin und her wehen ... gleich danach erschien am Eingang der Nische über dem Busch eine junge, schöne Dame, besonders schön war sie, wie ich nie eine solche gesehen hatte ... Sie lächelte mir zu, wie wenn sie meine Mutter gewesen wäre. Ich rieb mir die Augen, ich schloß und öffnete sie, aber die Dame war immer noch da.
Dieser Moment verwandelt das Leben Bernadettes von Grund auf. Von jetzt an ist sie herausgenommen aus allem, was ihr Leben so normal, freudig wie schmerzlich, aber alltäglich macht. Sie ist auf eine Weise in die Pläne des Himmels mit der Kirche und der Welt miteinbezogen, die außergewöhnlich ist und ihr Leben, ihre Familie und ihre Umgebung völlig verändern wird. Die Grotte ist mein Himmel, wird sie acht Jahre später beim Abschied sagen.
Die erste Begegnung endet damit, daß sich die Dame nach einem gemeinsamen Rosenkranz in die Grotte zurückzieht. Als die zwei Mädchen zurückkommen, kniet Bernadette immer noch in Ekstase, unverwandt zum Felsen blickend. Natürlich bestehen die beiden darauf zu erfahren, was das bedeuten soll, daß sie wie eine fromme Betschwester auf dem Boden kniete. Schon jetzt beginnt Bernadettes Leidensweg, der mit ihrer Berufung, ihrer Erwählung untrennbar verbunden ist: Unverständnis, Ablehnung, ja Haß und Verfolgung stehen ihr bevor und es beginnt schon am selben Tag zuhause:
Die Mutter schilt sie aus, als Toinette erzählt, daß eine schöne Dame erschienen sei und mit Bernadette gesprochen hätte. Trotz der Worte der Mutter glaubte ich nicht, mich getäuscht zu haben. Ich legte mich zu Bett, aber ich konnte in diese Nacht nicht schlafen.
Drei Tage später ist es Bernadette, als müsse sie wieder zur Grotte gehen. Sie vertraut sich ihrer Schwester Toinette an und bald weiß es ein Dutzend Mädchen, die alle mit nach Massabielle gehen.
Wieder ist die Dame da und diesmal bespritzt Bernadette sie mit Weihwasser: Wenn du von Gott kommst, bleibe, sonst verschwinde! Die Dame lächelte mich an und je mehr ich sie besprengte, desto mehr lächelte sie.
Die Eltern allerdings lächeln nicht, sondern verbieten ihr streng, noch einmal zur Grotte zu gehen. Als jedoch immer mehr Menschen von der Glaubwürdigkeit ihrer Tochter überzeugt sind, erlauben sie ihr wieder nach Massabielle zu gehen und die Mutter begleitet sie.

Am 18. Februar bittet die Dame, Bernadette möge zwei Wochen lang jeden Tag zur Grotte kommen.
Sie fügt hinzu: Ich verspreche dir nicht, dich in dieser Welt glücklich zu machen, sondern in der anderen. Am 21. Februar muß sich Bernadette schon durch eine Menschenmenge drängen, um überhaupt zur Grotte zu gelangen. Die Erscheinungen sind das Gesprächsthema in Lourdes und schon darüber hinaus. Bernadette scheint die Menschen gar nicht zu bemerken. Sie geht schlicht und ungeziert auf ihren Platz und beginnt zu beten, bis sie plötzlich, für jedermann erkennbar, in eine Ekstase fällt.
Der Polizeikommissar von Lourdes fühlt sich, angesichts des öffentlichen Aufhebens, bemüßigt einzugreifen und verhört Bernadette. Ich fürchte nichts, denn ich habe die Wahrheit gesagt. Er versucht, sie in Widersprüche zu verwickeln, Bernadette jedoch bleibt unbeirrt bei ihren Aussagen. Auch bei den zahlreichen, noch folgenden Verhören wird Bernadette durch ihre schlichte Aufrichtigkeit und Schlüssigkeit ihrer Darstellungen bestechen.
Unzählige Male wiederholt sie, was sie von der Dame gesehen und gehört hat, doch nie widerspricht sie sich.

Am 25. Februar kommt es zu einer entscheidenden Begegnung mit der Dame. Für die Menschen, Hunderte sind schon zusammengeströmt. Gläubige, Schaulustige, Spötter, zeigt Bernadette ein befremdliches Verhalten: Auf Knien rutscht sie bis zur Mitte der Grotte vor, kratzt mit den Fingern im Sand, schart eine kleine Aushöhlung, die sich sofort mit Wasser füllt, trinkt das schmutzige Wasser und wäscht sich das Gesicht, so daß sie ganz verschmiert aussieht. Zudem reißt sie einen Grashalm aus und ißt ihn! - nun ist fast allen klar: Sie ist wahnsinnig geworden, geistesgestört! Natürlich wird sie gefragt, was dieses sonderbare Gebaren zu bedeuten habe: Die Dame bat mich: Gehen Sie an
die Quelle, trinken Sie und waschen Sie sich. Da ich mir nicht anders zu helfen wußte, habe ich den Boden aufgekratzt und es kam Wasser zum Vorschein. Schon am nächsten Tag sprudelt eine wasserreiche Quelle aus der ausgekratzten Stelle. Millionen Menschen werden der Aufforderung der Muttergottes folgen: Geht zur Quelle, trinkt und wascht euch.
Während der 13. Erscheinung erhält Bernadette einen schweren Auftrag: Sie muß zum Pfarrer des Ortes gehen, dem strengen Peyramale, und ihm die Bitten der Dame überbringen: Ich will, daß man in Prozessionen zur Grotte kommt und daß man eine Kapelle erbaut. Pfarrer Peyramale ist anfangs ein entschiedener Gegner der Erscheinungen, wird aber, als er sich von deren Echtheit überzeugt hat, der väterliche Beschützer Bernadettes.

Das größte Opfer
Am 25. März endlich gibt sich die Dame zu erkennen: Ich bin die unbefleckte Empfängnis.
Zum letzten Mal erscheint die Muttergottes Bernadette am 16. April. Der Menschenstrom, der zur Grotte pilgert, reißt nicht ab, im Gegenteil, es entfaltet sich ein unaufhörlicher Pilgerstrom.
Und Bernadette? Wie in der Zeit vor den Erscheinungen sieht man sie jeden Tag zur Schule gehen.
Sie bleibt das arme Kind der Familie Soubirous, mit ihren Atembeschwerden und ihren Lernschwierigkeiten in der Schule. Sie muß sich mehreren ärztlichen Untersuchungen unterziehen, deren Ergebnis einstimmig lautet: Ein geistig völlig gesundes Mädchen. Im Juni 1858 geht sie zur Erstkommunion. Viele hoffen im Stillen, sie werde in eine ähnlich Aufsehen erregende Ekstase fallen wie vor der Grotte, doch nichts dergleichen. Sie hebt sich äußerlich in nichts von den anderen Kindern ab.
Wer sie sieht, würde nicht auf die Idee kommen, daß mittlerweile ganz Frankreich über sie spricht und sie der Gegenstand hitziger Diskussionen in - und außerhalb der Kirche ist.
Dennoch kann sie ihr gewöhnliches Leben nicht mehr aufnehmen, denn alle Pilger wollen sie sehen - für Bernadette die reinste Qual. Bis zu zwanzig Mal am Tag muß sie das Geschehene schildern, manchmal bricht sie am Abend schlichtweg zusammen. Natürlich entgeht niemand die bittere Not der Familie Soubirous, aber Bernadette nimmt niemals auch nur ein einziges Geldstück. Als ihr eine aufdringliche Besucherin Geld förmlich in die Hand drückt, läßt sie es kurzerhand auf den Boden fallen. Auch die Eltern lehnen, trotz der Armut, jede Spende oder Gabe ab. Als Bernadette einmal wegen Krankheit nicht zu den Menschen sprechen kann:
Bemitleiden sie mich nicht wegen dem Fieber, ich ziehe es den Unterredungen mit den Menschen vor.
Im Januar 1862, vier Jahre nach den Erscheinungen, erkennt sie Bischof Laurence im Namen der Kirche als echt an: Wir erklären, daß die Unbefleckte Jungfrau Maria, die Muttergottes, wirklich der Bernadette Soubirous am 11. Februar 1858 und an den darauf folgenden Tagen 18mal in der Grotte von Massabielle in der Nähe der Stadt Lourdes erschienen ist, und daß diese Erscheinung alle Merkmale der Wahrheit enthält. Der Bischof über Bernadette: Wer bewundert, wenn er sie kennen lernt, nicht die Einfachheit, die Offenheit, die Bescheidenheit dieses Kindes? Sie erzählt alles mit einer ergreifenden Unbefangenheit und einer bewegenden Treuherzigkeit, und auf die zahlreichen Fragen, die man an sie richtet, gibt sie, ohne zu zögern, klare, präzise und treffliche Antworten mit großer Überzeugungskraft.
Für Bernadette stellt sich die Frage, wo sie in Zukunft leben wird; daß sie Nonne werden wird, steht fest. Schließlich, nach einer Zeit intensiven Betons, nimmt sie das Angebot des Bischofs von Nevers an, in den dortigen Orden der Barmherzigen Schwestern einzutreten, 800 Kilometer von Lourdes entfernt. Da sie sehr krank ist, verzögert sich der Abschied, aber im Sommer 1866 ist es soweit. Als Bernadette das letzte Mal bei der Grotte betet, bricht sie in Tränen aus: O meine Mutter! Meine Mutter! wie kann ich dich verlassen?... Es war das
größte Opfer meines Lebens, aber meine Aufgabe in Lourdes ist beendet.

„Ich habe es eilig!"
Im Juli 1866 kommt sie in Nevers an, drei Wochen später erhält sie den Habit und den Ordensnamen Marie-Bernarde. Während ihres  Noviziats wird sie in der Sakristei und im Krankenzimmer eingesetzt.
Bernadette wird weder als Begnadete verhätschelt noch als Seherin bewundert, im Gegenteil! Der Novizenmeisterin und der Oberin scheint sie
manchmal zu verschlossen zu sein und sie behandeln sie mit großer Strenge. Die Oberin äußert sich dem Bischof gegenüber: Schwester Marie Bemarde ist zu nichts gut, sie ist ja immer krank. Wenn Sie wollen, Herr Bischof, können wir sie aus Barmherzigkeit im Mutterhaus behalten und irgendwie beschäftigen, sei es nur zum Putzen oder Kräutertee kochen. Eines Tages, als sie in einer Ecke des Krankenzimmers liegt, bekommt sie Besuch von der Oberin: Was machen Sie da. Faulenzerin? - Liebe Mutter, ich tue meine Arbeit. - Und was ist ihre Arbeit? - Ich bin krank. Die vollkommene Demut und der tiefe Friede, mit dem Bernadette das alles annimmt - was für sie ja weitaus schmerzlicher als
die körperliche Krankheit ist - erscheint uns Heutigen nicht weniger übernatürlich, als die Erscheinungen in der Grotte.
Ihr Asthma und Magenleiden nehmen zu, sie scheint nach wenigen Jahren im Kloster schon am Ende ihres Lebens zu sein. Am vermeintlichen Sterbebett darf sie ihre ewigen Gelübde ablegen. Unerwarterweise bessert sich ihr Zustand: Es geht mir besser, der liebe Gott hat mich noch nicht gewollt.
Ich bin bis ans Tor gegangen, und er hat mir gesagt: Kehre um, es ist zu früh.
Die Tuberkulose, an der sie leidet, schreitet unerbittlich fort, auch ein Tumor am Knie wird immer größer. Ich kann meine Beine nicht mehr gebrauchen und muß mich mit der Demütigung abfinden, getragen zu werden. Aber ich bin glücklicher mit Christus auf meinem Krankenbett als eine Königin auf ihrem Thron. Ganze Nächte lang, die schlaflos sind vor Schmerzen, betet sie den Rosenkranz. Ihr Platz ist im Herzen Jesu, meines göttlichen Bräutigams. Suchen wir im Heiligsten Herzen Jesu Zuflucht. Ein Blick auf ihn schenkt mir Kraft, wenn mich die Einsamkeit und das Leiden drohen zu übermannen ... Ja, ich habe es eilig, die Muttergottes wieder zu sehen, sie war so schön!
Am 16-April 1879, kurz vor drei Uhr Nachmittag, betet Bernadette zwei Mal: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für mich arme Sünderin. Kurz danach stirbt sie, 35 Jahre alt.
Am 8. Dezember 1933 wird sie von Papst Pius XI. heilig gesprochen: Wir erklären und definieren die selige Marie- Bemard Soubirous als heilig und tragen sie im Register der Heiligen ein, auf dass ihr Gedächtnis in der universellen Kirche fromm am 16. April, ihrem Geburtstag im Himmel, jedes Jahr gefeiert wird. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Am Ende der Messe stimmen die Gläubigen spontan das Ave Maria an, wie es in Lourdes gesungen wird.
(Quelle: "feuer und licht" Nr. 144, Mai/2007, S. 5ff., Gemeinschaft der Seligpreisungen)



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