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Am 7. Januar 1844, einem Sonntag, kommt in Lourdes ein Mädchen mit Namen Bernadette Soubirous als Älteste von neun Kindern zur Welt. Lourdes, ein unbedeutender Ort im Süden Frankreichs, noch unbedeutender scheint die Familie Soubirous zu sein.
Kampf
ums Überleben
Der
Vater Francois ist Müller und die Familie bewohnt eine der sechs Mühlen,
die entlang des Baches stehen, der durch Lourdes fließt. Die Mutter,
Louise, ist erst 17 Jahre alt, als sie Francois heiratet. Vermögende
Männer haben um ihre Hand angehalten, ihr Herz jedoch gehört
Francois. Der ist ein guter Müller, aber kein Geschäftsmann.
Dazu kommen Trockenheiten und schlechte Ernten, so daß Francois im
Laufe der Jahre den Großteil seiner Kundschaft verliert. Die Einnahmen
aus der Mühle werden immer weniger, die Familie immer größer.
Langsam aber sicher rutschen die Soubirous ins Elend.
Bernadette
ist ein kränkliches Kind, schon von Geburt an. Im Alter von elf Monaten
muß sie zu einer Amme gegeben werden nach Bartres, ein
benachbartes
Dorf. Eineinhalb Jahre später kommt sie wieder in das elterliche Haus,
bleibt aber mit ihrer „Ersatzmutter" verbunden, die sich nur schwer von
der kleinen Bernadette trennen kann.
Im
Alter von sechs Jahren erkrankt Bernadette an Asthma und oft quälen
sie schrecklicher Husten und Erstickungsanfälle; so kann sie, die
so gerne spielt, nicht wie andere Mädchen in ihrem Alter herumspringen
und tollen.
1854,
Bernadette ist mittlerweile 10 Jahre alt, kann der Vater den Pachtzins
für die Mühle nicht mehr aufbringen und die Familie landet auf
der Straße.
Nach
langer Suche und oftmaligem Wohnungswechsel landen sie schließlich
im ehemaligen Arrestlokal von Lourdes, einer dunklen, feuchten
und
völlig heruntergekommenen Unterkunft, für die sie nichts bezahlen
müssen; von der Bevölkerung le cachot, das Loch genannt, ein
Fenster ist noch mit Eisenstäben vergittert. Die ungesunde Behausung
trägt zur angeschlagenen Gesundheit Bernadettes das Übrige bei.
Die
existentiellen Sorgen und der tägliche Kampf ums Überleben lassen
den Eltern wenig Zeit für ihre Kinder. Der Vater ist oft auswärts
auf Arbeitssuche, leider oft vergeblich. Bernadette ist mit der Beaufsichtigung
ihrer jüngeren Geschwister beauftragt. Francois und Louise gehen mit
ihren Kindern jeden Sonntag zur Messe, ansonsten beschränkt sich die
religiöse Erziehung auf das Erlernen weniger Grundgebete. Bernadette
ist ein bescheidenes, bei jung und alt beliebtes Mädchen. 1857 kommt
die 13-jährige Bernadette wieder nach Bartres, um
dort
den Religionsunterricht des Pfarrers zu besuchen. Obwohl sie nicht lesen
und sich das Gelernte nur schwer auswendig merken kann, bedeutet ihr der
Unterricht viel. Doch das währt nur kurze Zeit, der Pfarrer kommt
weg und Bernadette wird Schafhirtin. Stundenlang allein in der Natur mit
ihren Schafen, betet Bernadette gerne den Rosenkranz.
Schließlich
kehrt sie nach Lourdes zurück um dort den Religionsunterricht wieder
aufzunehmen, der Bedingung für die Erstkommunion ist.
Die
Dame
Am
Vormittag des 11. Februar 1858 stellt Louise fest, daß sie nicht
mehr genug Holz zum Heizen hat. Bernadette, ihre Schwester Toinette und
eine Freundin machen sich auf den Weg um welches zu sammeln. Die Kinder
hoffen, in der Nähe einer Grotte, Massabielle genannt, fündig
zu werden.
Allerdings
müssen sie dazu durch einen Kanal waten. Das Wasser ist eiskalt, Bernadette
hat Bedenken wegen ihres Asthmas. Die beiden Mäd-
chen,
schon drüben angekommen, lachen sie aus und laufen fort. Plötzlich
hörte ich ein Brausen des Windes wie bei Sturmwind ... ich sah an
der Felsenöffnung einen einzigen Busch hin und her wehen ... gleich
danach erschien am Eingang der Nische über dem Busch eine junge, schöne
Dame, besonders schön war sie, wie ich nie eine solche gesehen hatte
... Sie lächelte mir zu, wie wenn sie meine Mutter gewesen wäre.
Ich rieb mir die Augen, ich schloß und öffnete sie, aber die
Dame war immer noch da.
Dieser
Moment verwandelt das Leben Bernadettes von Grund auf. Von jetzt an ist
sie herausgenommen aus allem, was ihr Leben so normal, freudig wie schmerzlich,
aber alltäglich macht. Sie ist auf eine Weise in die Pläne des
Himmels mit der Kirche und der Welt miteinbezogen, die außergewöhnlich
ist und ihr Leben, ihre Familie und ihre Umgebung völlig verändern
wird. Die Grotte ist mein Himmel, wird sie acht Jahre später
beim Abschied sagen.
Die
erste Begegnung endet damit, daß sich die Dame nach einem gemeinsamen
Rosenkranz in die Grotte zurückzieht. Als die zwei Mädchen zurückkommen,
kniet Bernadette immer noch in Ekstase, unverwandt zum Felsen blickend.
Natürlich bestehen die beiden darauf zu erfahren, was das bedeuten
soll, daß sie wie eine fromme Betschwester auf dem Boden kniete.
Schon jetzt beginnt Bernadettes Leidensweg, der mit ihrer Berufung, ihrer
Erwählung untrennbar verbunden ist: Unverständnis, Ablehnung,
ja Haß und Verfolgung stehen ihr bevor und es beginnt schon am selben
Tag zuhause:
Die
Mutter schilt sie aus, als Toinette erzählt, daß eine schöne
Dame erschienen sei und mit Bernadette gesprochen hätte. Trotz der
Worte der Mutter glaubte ich nicht, mich getäuscht zu haben. Ich legte
mich zu Bett, aber ich konnte in diese Nacht nicht schlafen.
Drei
Tage später ist es Bernadette, als müsse sie wieder zur Grotte
gehen. Sie vertraut sich ihrer Schwester Toinette an und bald weiß
es ein Dutzend Mädchen, die alle mit nach Massabielle gehen.
Wieder
ist die Dame da und diesmal bespritzt Bernadette sie mit Weihwasser: Wenn
du von Gott kommst, bleibe, sonst verschwinde! Die Dame lächelte mich
an und je mehr ich sie besprengte, desto mehr lächelte sie.
Die
Eltern allerdings lächeln nicht, sondern verbieten ihr streng, noch
einmal zur Grotte zu gehen. Als jedoch immer mehr Menschen von der Glaubwürdigkeit
ihrer Tochter überzeugt sind, erlauben sie ihr wieder nach Massabielle
zu gehen und die Mutter begleitet sie.
Am
18. Februar bittet die Dame, Bernadette möge zwei Wochen lang jeden
Tag zur Grotte kommen.
Sie
fügt hinzu: Ich verspreche dir nicht, dich in dieser Welt glücklich
zu machen, sondern in der anderen. Am 21. Februar muß sich Bernadette
schon durch eine Menschenmenge drängen, um überhaupt zur Grotte
zu gelangen. Die Erscheinungen sind das Gesprächsthema in Lourdes
und schon darüber hinaus. Bernadette scheint die Menschen gar nicht
zu bemerken. Sie geht schlicht und ungeziert auf ihren Platz und beginnt
zu beten, bis sie plötzlich, für jedermann erkennbar, in eine
Ekstase fällt.
Der
Polizeikommissar von Lourdes fühlt sich, angesichts des öffentlichen
Aufhebens, bemüßigt einzugreifen und verhört Bernadette.
Ich fürchte nichts, denn ich habe die Wahrheit gesagt. Er versucht,
sie in Widersprüche zu verwickeln, Bernadette jedoch bleibt unbeirrt
bei ihren Aussagen. Auch bei den zahlreichen, noch folgenden Verhören
wird Bernadette durch ihre schlichte Aufrichtigkeit und Schlüssigkeit
ihrer Darstellungen bestechen.
Unzählige
Male wiederholt sie, was sie von der Dame gesehen und gehört hat,
doch nie widerspricht sie sich.
Am
25. Februar kommt es zu einer entscheidenden Begegnung mit der Dame. Für
die Menschen, Hunderte sind schon zusammengeströmt. Gläubige,
Schaulustige, Spötter, zeigt Bernadette ein befremdliches Verhalten:
Auf Knien rutscht sie bis zur Mitte der Grotte vor, kratzt mit den Fingern
im Sand, schart eine kleine Aushöhlung, die sich sofort mit Wasser
füllt, trinkt das schmutzige Wasser und wäscht sich das Gesicht,
so daß sie ganz verschmiert aussieht. Zudem reißt sie einen
Grashalm aus und ißt ihn! - nun ist fast allen klar: Sie ist wahnsinnig
geworden, geistesgestört! Natürlich wird sie gefragt, was dieses
sonderbare Gebaren zu bedeuten habe: Die Dame bat mich: Gehen Sie an
die
Quelle, trinken Sie und waschen Sie sich. Da ich mir nicht anders zu helfen
wußte, habe ich den Boden aufgekratzt und es kam Wasser zum Vorschein.
Schon am nächsten Tag sprudelt eine wasserreiche Quelle aus der ausgekratzten
Stelle. Millionen Menschen werden der Aufforderung der Muttergottes folgen:
Geht zur Quelle, trinkt und wascht euch.
Während
der 13. Erscheinung erhält Bernadette einen schweren Auftrag: Sie
muß zum Pfarrer des Ortes gehen, dem strengen Peyramale, und ihm
die Bitten der Dame überbringen: Ich will, daß man in Prozessionen
zur Grotte kommt und daß man eine Kapelle erbaut. Pfarrer Peyramale
ist anfangs ein entschiedener Gegner der Erscheinungen, wird aber, als
er sich von deren Echtheit überzeugt hat, der väterliche Beschützer
Bernadettes.
Das
größte Opfer
Am
25. März endlich gibt sich die Dame zu erkennen: Ich
bin die unbefleckte Empfängnis.
Zum
letzten Mal erscheint die Muttergottes Bernadette am 16. April. Der Menschenstrom,
der zur Grotte pilgert, reißt nicht ab, im Gegenteil, es entfaltet
sich ein unaufhörlicher Pilgerstrom.
Und
Bernadette? Wie in der Zeit vor den Erscheinungen sieht man sie jeden Tag
zur Schule gehen.
Sie
bleibt das arme Kind der Familie Soubirous, mit ihren Atembeschwerden und
ihren Lernschwierigkeiten in der Schule. Sie muß sich mehreren ärztlichen
Untersuchungen unterziehen, deren Ergebnis einstimmig lautet: Ein geistig
völlig gesundes Mädchen. Im Juni 1858 geht sie zur Erstkommunion.
Viele hoffen im Stillen, sie werde in eine ähnlich Aufsehen erregende
Ekstase fallen wie vor der Grotte, doch nichts dergleichen. Sie hebt sich
äußerlich in nichts von den anderen Kindern ab.
Wer
sie sieht, würde nicht auf die Idee kommen, daß mittlerweile
ganz Frankreich über sie spricht und sie der Gegenstand hitziger Diskussionen
in - und außerhalb der Kirche ist.
Dennoch
kann sie ihr gewöhnliches Leben nicht mehr aufnehmen, denn alle Pilger
wollen sie sehen - für Bernadette die reinste Qual. Bis zu zwanzig
Mal am Tag muß sie das Geschehene schildern, manchmal bricht sie
am Abend schlichtweg zusammen. Natürlich entgeht niemand die bittere
Not der Familie Soubirous, aber Bernadette nimmt niemals auch nur ein einziges
Geldstück. Als ihr eine aufdringliche Besucherin Geld förmlich
in die Hand drückt, läßt sie es kurzerhand auf den Boden
fallen. Auch die Eltern lehnen, trotz der Armut, jede Spende oder Gabe
ab. Als Bernadette einmal wegen Krankheit nicht zu den Menschen sprechen
kann:
Bemitleiden
sie mich nicht wegen dem Fieber, ich ziehe es den Unterredungen mit den
Menschen vor.
Im
Januar 1862, vier Jahre nach den Erscheinungen, erkennt sie Bischof Laurence
im Namen der Kirche als echt an: Wir erklären, daß die Unbefleckte
Jungfrau Maria, die Muttergottes, wirklich der Bernadette Soubirous am
11. Februar 1858 und an den darauf folgenden Tagen 18mal in der Grotte
von Massabielle in der Nähe der Stadt Lourdes erschienen ist, und
daß diese Erscheinung alle Merkmale der Wahrheit enthält. Der
Bischof über Bernadette: Wer bewundert, wenn er sie kennen lernt,
nicht die Einfachheit, die Offenheit, die Bescheidenheit dieses Kindes?
Sie erzählt alles mit einer ergreifenden Unbefangenheit und einer
bewegenden Treuherzigkeit, und auf die zahlreichen Fragen, die man an sie
richtet, gibt sie, ohne zu zögern, klare, präzise und treffliche
Antworten mit großer Überzeugungskraft.
Für
Bernadette stellt sich die Frage, wo sie in Zukunft leben wird; daß
sie Nonne werden wird, steht fest. Schließlich, nach einer Zeit intensiven
Betons, nimmt sie das Angebot des Bischofs von Nevers an, in den dortigen
Orden der Barmherzigen Schwestern einzutreten, 800 Kilometer von Lourdes
entfernt. Da sie sehr krank ist, verzögert sich der Abschied, aber
im Sommer 1866 ist es soweit. Als Bernadette das letzte Mal bei der Grotte
betet, bricht sie in Tränen aus: O meine Mutter! Meine Mutter!
wie kann ich dich verlassen?... Es war das
größte
Opfer meines Lebens, aber meine Aufgabe in Lourdes ist beendet.
„Ich
habe es eilig!"
Im
Juli 1866 kommt sie in Nevers an, drei Wochen später erhält sie
den Habit und den Ordensnamen Marie-Bernarde. Während ihres
Noviziats wird sie in der Sakristei und im Krankenzimmer eingesetzt.
Bernadette
wird weder als Begnadete verhätschelt noch als Seherin bewundert,
im Gegenteil! Der Novizenmeisterin und der Oberin scheint sie
manchmal
zu verschlossen zu sein und sie behandeln sie mit großer Strenge.
Die Oberin äußert sich dem Bischof gegenüber: Schwester
Marie Bemarde ist zu nichts gut, sie ist ja immer krank. Wenn Sie wollen,
Herr Bischof, können wir sie aus Barmherzigkeit im Mutterhaus behalten
und irgendwie beschäftigen, sei es nur zum Putzen oder Kräutertee
kochen. Eines Tages, als sie in einer Ecke des Krankenzimmers liegt, bekommt
sie Besuch von der Oberin: Was machen Sie da. Faulenzerin? - Liebe Mutter,
ich tue meine Arbeit. - Und was ist ihre Arbeit? - Ich bin krank. Die vollkommene
Demut und der tiefe Friede, mit dem Bernadette das alles annimmt - was
für sie ja weitaus schmerzlicher als
die
körperliche Krankheit ist - erscheint uns Heutigen nicht weniger übernatürlich,
als die Erscheinungen in der Grotte.
Ihr
Asthma und Magenleiden nehmen zu, sie scheint nach wenigen Jahren im Kloster
schon am Ende ihres Lebens zu sein. Am vermeintlichen Sterbebett darf sie
ihre ewigen Gelübde ablegen. Unerwarterweise bessert sich ihr Zustand:
Es
geht mir besser, der liebe Gott hat mich noch nicht gewollt.
Ich
bin bis ans Tor gegangen, und er hat mir gesagt: Kehre um, es ist zu früh.
Die
Tuberkulose, an der sie leidet, schreitet unerbittlich fort, auch ein Tumor
am Knie wird immer größer. Ich kann meine Beine nicht mehr gebrauchen
und muß mich mit der Demütigung abfinden, getragen zu werden.
Aber ich bin glücklicher mit Christus auf meinem Krankenbett als eine
Königin auf ihrem Thron. Ganze Nächte lang, die schlaflos sind
vor Schmerzen, betet sie den Rosenkranz. Ihr Platz ist im Herzen Jesu,
meines
göttlichen Bräutigams. Suchen wir im Heiligsten Herzen Jesu Zuflucht.
Ein Blick auf ihn schenkt mir Kraft, wenn mich die Einsamkeit und das Leiden
drohen zu übermannen ... Ja, ich habe es eilig, die Muttergottes wieder
zu sehen, sie war so schön!
Am
16-April 1879, kurz vor drei Uhr Nachmittag, betet Bernadette zwei Mal:
Heilige
Maria, Mutter Gottes, bitte für mich arme Sünderin.
Kurz danach stirbt sie, 35 Jahre alt.
Am
8. Dezember 1933 wird sie von Papst Pius XI. heilig gesprochen: Wir
erklären und definieren die selige Marie- Bemard Soubirous als heilig
und tragen sie im Register der Heiligen ein, auf dass ihr Gedächtnis
in der universellen Kirche fromm am 16. April, ihrem Geburtstag im Himmel,
jedes Jahr gefeiert wird. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen
Geistes.
Am
Ende der Messe stimmen die Gläubigen spontan das Ave Maria an, wie
es in Lourdes gesungen wird.
(Quelle:
"feuer und licht" Nr. 144, Mai/2007, S. 5ff., Gemeinschaft der Seligpreisungen)